Zwischen Bierflaschen das Leben

Während fast überall Fernseher in den Straßen stehen und König Fußball seine Untertanen in die Cafés und Bars lockt, bleibt der Boxhagener Platz angenehm zeitlos. Als wäre dies eine Zone unberührt von Brot und Spielen, unvergiftet trotz einer gutbürgerlich wirkenden Mittelschicht, die mit Smoothies, Eis und Kleinkindern in der Mitte des verdorrten Rasens weilt.

Die heimlichen Wächter über diesen Raum aber, sitzen unter alten Bäumen in dem umzäunten Gürtel aus Holzbänken, der den Boxi umschließt. Die Punk-Lady mit den verfilzten Haaren hat die Arme weit über die Lehne der Bank gestreckt, auf der sie sitzt. Mit inbrünstiger Stimme krächzt sie dem hereinbrechenden Abend ihre Ansichten entgegen. Über die Ränder ihrer Lederweste lappt die Haut, ungezügelt, unverdeckt. Die Nieten glänzen in der sinkenden Sonne. Eine Bank weiter liegt ein struppiger Hund und wartet darauf, dass sein Herrchen seinen Rausch ausgeschlafen hat. Seine Augen flitzen unter buschigen Augenbrauen unruhig von links nach rechts. Zwei Bänke weiter wird gestritten, ein Joint geht rum, ein nächster wird gedreht.

Die Gesichter sind mir vertraut. Ich mag sie. Aus der Ferne. Und bin ihnen dadurch nahe. Ihre Existenzen situieren sich jenseits des Üblichen und Einordenbaren, ihre Geschichten bestimmen ihre Richtung. Der Bezirk sähe sie gern woanders. Ich habe sie gern hier. In einer Welt, die voller und voller wird, die durchsichtiger wird und darin gefährliche Unüberschaubarkeit birgt, sind sie das notwendige Gegengewicht. Sie mögen laut sein, keinen Anstand kennen und auf Manieren scheißen. Vielleicht sind sie rau und riechen streng und dienen vielen als Legitimation für den Erhalt gewisser Vorurteile. Ja, sie trinken viel, ihr Bewusstsein ist betäubt und ich würde ihnen sicher nicht mein Leben anvertrauen. Und trotzdem sehe ich ihnen mehr Menschlichkeit als in manch anderem Friedrichshainer an diesem Abend.

Ein Mundharmonikaspieler setzt an. Klagende Töne zu obszönen Worten. Lautes, ungehemmtes Lachen. Ich atme ein. Die Faszination dieser Menschen vom Boxi ist so wenig greifbar, wie die Luft, die meinen Körper umspielt.

Was ist das für ein gleichgearteter Wind, der durch die Straßen zieht? Wer hat Mut und Aufrichtigkeit in die Seitenstraßen gefegt und den Menschen die helfenden Hände abgehackt? Welcher Sand brennt in den Augen derer, die wegschauen?

Der Musiker lächelt mir zu. Ich ahne die Kunst, die er und seine Gefährten beherrschen. Ihre Zeit ist ungezählt. Sie sind. Jetzt. Und dadurch weniger manipulierbar. Manche kenne ich mit Namen. Aber kann das reichen?

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One Response to Zwischen Bierflaschen das Leben

  1. anonym says:

    Vielen lieben Dank für diesen Einblick.
    Schön zu lesene Zeilen.

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