Wie viel Chamäleon erträgt ein Leben?

Es gibt Dinge, die machen den Zauber eines morgendlichen schwarzen Kaffees noch verführerischer: das Rascheln einer Zeitung, die Abwesenheit von Zeit, alte Lieder oder klassische Virtuositäten, ein Stapel ungelesener Bücher, der Blick in liebende Augen, ein Pyjama und das Wissen, ihn den ganzen Tag nicht ausziehen zu müssen oder ein verregneter Tag vor ungeputzten Fenstern. Kaffee habe ich. Alte Lieder auch. Alles andere fehlt. Ach, so. Der Stapel ungelesener Bücher – er ist schon so vertraut, dass ich ihn gar nicht mehr bemerke. Ein Chamäleon im Kampf der Prioritäten.

Und dann wären da die Dinge, mit denen sich jegliche Magie eines Kaffee-Rituals zerstören lässt. Für mich sind das unter anderem Honorar-Aufträge, die ich nicht mag. Brotjobs, die ich erledigen muss, damit ich mir guten Kaffee überhaupt kaufen kann. Denn Kaffee hat eine Bedeutung. Und ich will, dass das so bleibt.

Die letzten Minuten habe ich mir gegönnt. Kaffee. Zielloses Sinnieren. Doch der Schmerz des Erkennens bleibt: Wichtigkeiten von Dringlichkeiten zu unterscheiden ist eine Lebensaufgabe. In meinen Fingern kribbelt es, Raum und Zeit umspielen mich mit der Forschheit eines flutenden Meeres. Ich will meinen Roman fertig kriegen, den Blog randvoll füllen, mich in Worten verlieren und den alten Liedern ihre immer gleichen Versprechen glauben.

Aber der Maßstab ist unbarmherzig. Geld verdienen, unabhängig sein. Und bleiben. Wie wird man den Facetten des eigenen Seins gerecht? Wie den kostbaren Momenten des Lebens? Disziplin und Routine, ein strukturierter Tag, geregelte Abläufe – ja, ich kenne die Schlüssel zur erfolgreichen Freiberuflichkeit. Die Liste ist lang und vielfach bewährt. Doch ich scheitere bereits an dem Wort „erfolgreich“.

Seit einigen Jahren lebe ich unter dem Existenzminimum. Aber ich bin immer frei gewesen. Ich habe meinen Traum gelebt, mich vom Schreiben zu ernähren, frei über meine Zeit zu verfügen, Geschichten zu schreiben, für die ich nicht bezahlt werde und meinem Instinkt zu folgen. Und trotzdem guten Kaffee zu trinken 🙂 Ist das nicht die höchste Definition von Erfolg, die es geben kann? Was interessieren mich materielle Sicherheit, Luxus, Klamotten und Statussymbole? Was können sie mir geben, das ich nicht in der eigenen, inneren Vielfalt finde? Materialismus betäubt mich. Erst wenn es am Hintern zieht, weiß ich, dass ich eine neue Hose brauche.

Und doch stehe ich an einem Scheideweg. Wenn ich genügsam bin und dennoch nicht zum Schreiben komme, mein Blog leer bleibt und ich mich von meinem eigenen Protagonisten entferne, dann läuft etwas gewaltig falsch. Es ist die ewig traurige Lektion, dass Leidenschaft der beste Nährboden für Ausbeutung ist. Sich in kapitalistischen Strukturen frei bewegen zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen – und bleibt in letzter Instanz ein Widerspruch. Es liegt an mir, was ich daraus mache. Es liegt an mir, das Wort „Priorität“ mit Sinn zu füllen. Ich werde noch einmal in den Spiegel schauen müssen und mich fragen: Wie viel Chamäleon erträgt mein Leben?

 

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One Response to Wie viel Chamäleon erträgt ein Leben?

  1. anonym says:

    gelesen und herzlich bedankt.

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