Fundstück: Versöhnung in Ostwestfalen

(Versöhnung ist ein großes Wort, das mir immer schien wie etwas, das sich nicht in Aktivität erzeugen lässt, sondern aus Passivität erwachsen muss – mit der Zeit. Und heute fand ich dazu ein Beispiel aus meinem Leben. Ich entdeckte das heutige Fundstück in einem vergessenen Dokument aus einer Zeit, als ich mich exzessiv in Cafés tummelte, um die Symbiose von Ort und Moment einzufangen.
Dieser kleine Text dokumentiert die unerwartet verlaufende Begegnung mit der Stadt Paderborn, zweieinhalb Jahre, nachdem ich diesen Ort meiner Studienzeit fluchtartig über Nacht verlassen hatte („Morgen ziehe ich nach Berlin.“). Lange kehrte ich nicht einmal zu Besuch zurück, froh, Paderborn zu einem Teil meiner Vergangenheit zählen zu können. Doch eines Tages war es dann doch so weit. Und ich war ehrlich überrascht …)

Die Sonntagsstimmung an diesem Donnerstag ist wie das ungewollte Aquarell zwischen Herbst und Winter, dem Übergang von kalt zu noch kälter und dem Wind schwerer Erinnerungen, der mich mit einer alten Liebe in ein kleines Café bläst. Ein konservativ erscheinendes Café mit rotbezogenen Stühlen, sich hartnäckig haltend in einer Symbiose vieler Zeiten, traditionell und doch auf Alternatives bestehend. Süß. Dieses Wort passt. Und ehrlich bemüht. Café Röhren.

Ich mag es hier. Es tröstet mich, vertröstet mich in einer Phase des Wartens. Warten darauf, diesen Ort wieder zu verlassen, in ein paar Stunden mit einem Zug – zu einer neuen Liebe. Etwas das mich spaltet und gleichzeitig antreibt. Nicht die Liebe zu einem Mann ist der spaltende Aspekt, sondern die Liebe zu den Erinnerungen an Paderborn. Die Erinnerungen vieler Jahre an diesem Ort, emotional immer wankend an der Grenze zum Hass. Diese Stadt hat mich fast verschlungen, um mich schließlich auszuspeien, völlig entkräftet auf einem durchweichten Fundament zurückzulassen und mich mit einem Neuanfang zu konfrontieren, dem ich nicht gewachsen schien, aber der längst überfällig gewesen war. Und ich bin gegangen – man muss sagen geflüchtet – und war gewillt, so schnell keinen Fuß mehr auf ostwestfälischen Boden zu setzen.

Paderborn, für mich immer das Sinnbild für die Destruktivität von Stillstand und konservativen Strukturen, für ein Grau, das mir in meiner Zeit hier stets schien, als trüge es mehr schwarze als weiße Nuancen in sich. Paderborn, das mich jetzt im Schein eines neuen Lichts überrumpelt. Meines neuen Lichts. Nein, Orte sind nicht. Kein Ort ist. Orte sind nur, was wir in ihnen sehen. Das Karma von Orten entsteht dann, wenn wir sie mit etwas besetzen. Mit einer Erwartung, einer Hoffnung, einer Erinnerung. Sie verändern sich mit uns, auch wenn wir fernab von ihnen weiterwandeln, nur unsere Erinnerungen daran bleiben gleich, und so finden wir uns wieder in einem Moment der Überraschung, wenn wir ihnen mit den alten Bildern gegenübertreten. Paderborn. Ich hätte nie gedacht, dass es gerade das Moment des Stillstands ist, das ich hier eines Tages lieben könnte. Dass die Klingeln an meinem Haus – bis auf eine – noch immer dieselben Namen tragen, dass mein alter Nachbar noch immer dasselbe Auto mit demselben Nummernschild fährt und hinter der Glastür des Frisörs in der Seitenstraße noch immer der etwas zu dicke Golden Retriever auf dem Treppenabsatz schläft. Dass es noch immer „Ansgar’s Eck“ gibt, mit Thomas, seinen Brüdern und seiner Familie, die mir wie alte Freunde sind und die mich auch genauso behandeln: „Den Tomatensalat immer noch mit Joghurtdressing, Eva?“ (Nein, inzwischen lebe ich vegan, aber das sage ich nicht, weil ich so gerührt bin und diese Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht zerschlagen möchte). Und die alte Bekannte, die ich in diesem kleinen, konservativen Café treffe, eine besondere Frau mit durchdringender Herzlichkeit und pulsierendem Temperament, die mir immer und immer wieder begegnet, auch wenn wir nie Kontakt halten.

Es ist wie das Blättern in einem alten Fotoalbum, aber realer, greifbarer. Ich kann mich daran erfreuen an dem Stillstand, kann kurz in ihm und meiner alten Erinnerung, die nun eine neue wird, verweilen. Es ist wie Luft holen, einmal tief durchatmen und die Luft halten. Nein. Paderborn ist nicht per se ein schlechter Ort gewesen. Es war mein Innen, das nicht in dieses Außen passte. In einer Spanne meines Lebens. Und ich bestelle noch einen Kaffee, etwas zutiefst Kulturelles mit dem Potential auf Trost – und dieses Mal bestelle ich den Kaffee in Paderborn nicht mit der Hoffnung darauf, dass er mich über einen schalen Moment rettet, sondern mit der freudigen Neugier auf etwas, das einfach ist, wie es ist und sich erst unter meinem eigenen Blick in Bedeutung manifestiert.

Und als die heiße Flüssigkeit meine Kehle hinabläuft, spüre ich zum ersten Mal auch physisch, was es heißt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

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