Sams Gedanken [Schreib-Experiment 2]

„Me826513_54094691hr experimentieren, Eva“, hörte ich mich neulich sagen, als ich wieder einmal laut mit mir selbst sprach. Ich mache das oft. Und meist ist es Ausdruck eines Gedanken, der schon lange da ist, aber bisher ungehört und ohne Konsequenz einsame Runden in meinem Kopf drehte. Laut ausgesprochen, bekommt er Nachdruck – und auf einmal eine eigene Stimme.

Und nachdem mir meine erste Mikrogeschichte ziemlich viel Spaß gemacht hat, habe ich mich hier an einer „Schreibübung“ versucht, die im Buch „Romane und Kurzgeschichten schreiben“ von Alexander Steele (Autorenhaus Verlag) zu finden ist. Auf Seite 31, im Kapitel I „Literatur: Das Was, das Wie und das Warum“ liest man dort:

Schreiben Sie den folgenden Eröffnungssatz: Sam war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen oder das Zeichen einer kommenden Katastrophe war, aber er wusste … hier schreiben Sie weiter. Schreiben Sie, was Ihnen dazu einfällt, ohne lange darüber nachzudenken oder innezuhalten.

Hier mein Ergebnis: Sams Gedanken. Unkorrigiert und ohne absetzen. Dies ist zwar keine Blogparade, aber wer Lust hat, darf sich natürlich gern dieser Übung annehmen und in den Kommentaren verlinken oder mir einfach so zusenden.

Sam war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen oder das Zeichen einer kommenden Katastrophe war, aber er wusste…

„… dass die Zeit gekommen war, die Konsequenzen für alles Vorangegangene zu tragen.
Behände stand er auf und stellte sich vor den Spiegel, der den Durchgangsbereich zu seinem Arbeitszimmer schmückte. Sein Bauch hatte in den letzten Monaten einen kleinen Ansatz gebildet, die behaarte Haut war gestrafft und bog sich frech über den Hosenbund. War er attraktiv? Er fand ja und er wusste – genau, das machte sein Leben zu einem Problem. Selbst- und Fremdwahrnehmung drifteten in seinem Fall auseinander wie aufgeschreckte Hühner. Näherte er sich einer Frau, sicher, dass der Abend in zerwühlten Laken enden würde, so kassierte er eine Abfuhr. Bei Männern war es das Gleiche. Seit er aufgehört hatte über sexuelle Identität nachzudenken, war sein Leben leichter. In angetrunkenen Momenten nannte er es die „Freiheit der doppelten Wahl“. Machte es einen Unterschied, ob er einen Mann oder eine Frau vor sich hatte? Wo Leidenschaft sich Bahn gebrochen hatte, spielte Identität nur noch eine untergeordnete Rolle. Sam lächelte und strich sich über die Glatze, die sich weniger leidenschaftlich aber genauso plötzlich Raum verschafft hatte. Er nahm den Brief, in dem ihm die Fotos zugesandt worden waren, und straffte die Schultern. Die Konsequenzen aus einem Gestern waren vielleicht weniger negativ, als er gedacht hatte. Vielleicht verhielt es sich hier ähnlich wie mit der körperlichen Wahrnehmung: Andere sahen Dinge, die er nicht sah. Und Dinge, die er getan hatte, waren von anderen vielleicht nicht einmal registriert worden.“

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