Projekt Zeitreise

Ende März startete ich bei Facebook einen Aufruf. Nachdem ich auf einige mit Bleistift verfasste Manuskripte aus meiner frühen Schreibzeit gestoßen war, fiel mir auf, dass ich niemals mit einer Schreibmaschine gearbeitet habe. Ich bin damals direkt von Hand auf Computer umgestiegen.

Mein Interesse an der Zeit der „Tipperei“ (wie es meine Großmutter nannte) wurde sicher auch geschürt durch die alten Manuskripte meiner Großeltern, die ich vor einigen Monaten an mich genommen habe. Vor allem mein Opa als Schriftsteller und Journalist hat seine gesamten Werke mit der Schreibmaschine verfasst. (Es gibt sogar noch ein „Original“, das diesen Namen auch verdient: eine gebundene Ausgabe eines unveröffentlichten Werkes. Das einzige Exemplar überhaupt). Es hat mich sehr beeindruckt, die verschiedenen Manuskript-Fassungen zu sehen, die zwischen ihm (und meiner Großmutter) und dem Lektor per Post hin und hergeschickt und stetig verbessert wurden. Kreuzchen und Anmerkungen am Rand, Durchgestrichenes und per Hand Hinzugefügtes – wie viel Zeit und Arbeit dahintersteckte!

Auch die Tagebücher von Brigitte Reimann, die ich in dieser Zeit verschlang und die mir einen Einblick in eine ganz andere Zeit des Schreibens öffneten, trugen dazu bei, dass mich die Gedanken über das Wie meiner Arbeit nicht loslassen. Ich möchte wissen, wie mein Denk- und Arbeitsprozess sich tatsächlich gestaltet, wie viel Flexibilität in meiner Arbeitsweise noch möglich ist, jetzt, da durch technische Errungenschaften alles so bequem geworden ist. Der Schnelligkeit ist es sicherlich zuträglich, aber wie verhält es sich mit dem sinnlichen Beitrag zu meinem Schreiben? Mit dem Klang der Tasten, der Kraft, die für einen Anschlag gebraucht wird, dem Rascheln von Papier und dem leisen Klingeln am Ende einer Zeile? Was trägt die Haptik zu meinen Worten bei? Wie viel Anteil hat die Bequemlichkeit, wie viel das Mechanische und Greifbare? Immerhin weiß ich, dass die Umgebung für mich von großer Bedeutung ist. Ich kann nicht überall schreiben. Oder nicht überall dasselbe.

Über Umwege gelangte ich so schließlich an einen sehr charismatischen Drehbuchautor, der mir seine wunderschöne Schreibmaschine von Rheinmetall überließ. Der Kaufpreis war so niedrig, dass er eher als Schutzgebühr bezeichnet werden muss. Er hat sie geliebt, die Lady. Das sieht man an der guten Pflege, die sie erhalten hat. Und wie stolz ich war – ich war sicher, dass mich jeder in der U-Bahn um mein gut gepflegtes Relikt beneiden müsste. Am Liebsten hätte ich sie ausgepackt und vorgeführt. Das habe ich dann auch – im Treppenhaus, als ich meinem Nachbarn begegnete. Er restauriert alte Fahrradleichen und ist der einzige „offizielle Fahrraddieb“ Berlins, der die Wracks nach städtischer Aufforderung an den Besitzer, sie zu entfernen, mit einem Bolzenschneider loseisen darf. Er hat denselben Sinn für den Wert alter Dinge, wie ich. Gemeinsam standen wir in trauter Glückseligkeit und haben sie bewundert, die gute Rheinmetall.

Natürlich habe ich im Vorwege schon mal ein bisschen auf ihr geklappert und herumprobiert, sie beschnuppert und betatscht – sie ist zu schön, um unbeachtet in der Ecke zu stehen. Aber offiziell gestartet habe ich das Projekt nun heute.

Mein Ziel ist das tägliche Schreiben damit. Zunächst mache ich mich mit ihrer Mechanik vertraut, anschließend versuchen wir uns gemeinsam an Lyrik, später dann an Prosa. Auch eine Woche, in der ich alles auf der Schreibmaschine schreibe, was geschrieben werden muss, ist geplant. Ob ich einen ganzen Roman auf ihr schreibe, werden wir sehen. Das hängt von der Entwicklung des Selbstversuches ab. In der Lage dazu ist sie – ihr Vorbesitzer hat ein 90-seitiges Drehbuch mit ihr verfasst.

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2 Responses to Projekt Zeitreise

  1. nadja engelbrecht says:

    also ich würde nicht mehr so arbeiten wollen. habe erst bei dicken handgelenken nach alternativen gesucht und musste den weg der „erika“ gehen. viele geschichten und mehrere drehbücher, briefe und private schriften hab ich auf der alten schreibmaschine getippt, bevor ich mir den ersten apple macintosh leisten konnte! ich habe immernoch das echo im ohr, wenn die schreibmaschine durch die großen berliner zimmer knallte und mein mann nebenan nicht schlafen konnte. die andere sehr aufwendige sache war die korrektur… oh je! gibt es eigentlich noch farb- und korrekturbänder? oder tipp-ex?
    na guck mal, wie lange du die nostalgie aushälst und dein tempo drosseln kannst, wenn ein guter satz dir durch’s hirn fegt…
    aber zum federkiel gehst du nicht zurück, oder?
    genieß die stunden, so eine maschine ist schon ein wunderding und schönes ein teil – wenn man nicht muss!

    sentimentale grüße von der kleinschreiberin

    • Eva says:

      So ein Experiment ist ja in allerletzter Instanz doch nur ein Kompromiss und eine Ahnung einer Zeit, die eben immer nur „nachgespielt“ sein wird – wissend, dass man nicht muss. Dennoch bin ich sehr gespannt auf die nostalgischen Stunden an der Maschine.
      Ich wusste gar nicht, dass du Drehbücher geschrieben hast. 🙂

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