Das weiße Blatt 2014

Irgendwann im letzten Drittel des vergangenen Jahres beschloss ich, disziplinierter zu werden. Ich dachte mir, dass in meinem Lebenstempo drei Leben vonnöten sein würden, um zu erreichen, was ich erreichen will. Eigenwillig war ich schon immer, aber niemals gradlinig. Ich bin eher der Typ, der in einer großen Sommerwiese liegt, am Blau des Himmels das Leben seziert und sich über jeden Schmetterling freut, der das Sichtfeld kreuzt – vergessend, dass der Abend kommen und der Boden klamm werden wird. Dass die Mücken mich zerstechen und die Kälte mich unglücklich machen wird.

Nichts passiert von null auf hundert. Für alles wurde irgendwann irgendwie ein Grundstein gelegt. 2013 war ein Jahr, in dem das Leben Samen getragen hat. 2014 nun möchte ich pflegen, womit ich begonnen habe – und von dem einen oder anderen Projektbaum auch Früchte ernten. Dieses Jahr wird in der Blüte des Schaffens stehen.

Ironbuchblogger

Eines meiner ersten Projekte dieses Jahres zielt somit auf genau diese Disziplin ab: Die »Ironbuchblogger« sind ein kleiner Ableger der »Ironblogger«, einer Gemeinschaft von Bloggern, die sich zum Ziel gesetzt hat, einmal pro Woche zu bloggen. Wer das nicht tut, zahlt einen Obolus in die Gemeinschaftskasse. Ich hoffe, auf diese Weise einen liebevollen Druck auf mich selbst auszuüben bei dem ich gezwungen bin, den Anspruch abzulegen, der mich stets verharren lässt. Ich habe es mir selbst nicht vorstellen können, aber auch die virtuelle Gemeinschaft hat etwas Verbindendes und Mitreißendes – der NaNoWriMo im letzten Jahr war das beste Beispiel.

Schubladendenken

Mit der Erhöhung der Artikel werde ich auch inhaltlich etwas verändern. Zum Beispiel möchte ich meine Rubrik »Begegnungen« ausweiten. Ich sehe und treffe täglich so viele Menschen auf meinen Streifzügen durch Berlin, deren Geschichten mich berühren und verändern. Es sind Geschichten, die sie erlebt haben, aber auch Geschichten, die ich sie erleben lasse. Die Welt besteht aus Protagonisten. Diesen Menschen möchte ich mehr Raum geben. In mir. Und in meinem Blog.

Ein bisschen Überwindung wird mich das Vorhaben kosten, meinen Blog experimenteller zu gestalten. In der Beschreibung heißt es:

Dieses Blog ist Zeugnis meines schreibenden Seins, (…). Es ist der kleine abgelegene Platz hinter der Sporthalle, an dem Menschen wie ich ihre Übungen machen – allein, aber nicht unbeobachtet. Hier möchte ich probieren – schreibend, bloggend, netzwerkend.

Mein Ziel ist ein bisschen mehr Experiment. Ein bisschen mehr „öffentliches Trainieren“. Das Ganze allerdings im (weit ausgelegten) Rahmen einer

Blog-Parade

Eine Blog-Parade ist wieder eine dieser schönen Spielereien, die das Internet möglich macht. Ein Blogger ruft zu einem Thema auf, setzt einen Zeitraum fest und alle Blogger, die Lust haben, diese Überschrift mit Leben zu füllen, schreiben dazu einen Beitrag auf ihrem eigenen Blog. Der Initiator verlinkt die entsprechenden Beiträge auf seiner Seite. In diesem Jahr möchte ich nicht nur an solchen Paraden teilnehmen, sondern auch eine oder mehrere initiieren.

Optische Veränderungen

Auch visuell soll sich der Blog verändern. Das erste Layout hat seinen Dienst getan. Es ist Zeit für frische Farben – ich denke, das wird hin und wieder mal eine kleine Veränderung sein, kein gewaltiger Umgestaltungsakt.

Zudem werde ich meine Kurzgeschichten aus dem Netz nehmen und die Cover überarbeiten. Vor allem »Die Medienkarriere« kriegt ein neues Cover, das auch schon feststeht (ich muss es nur noch umsetzen). Ich mag das jetzige Cover zwar, weil es die Verletzlichkeit eines Lebens (auch im Kontext medialer Berichterstattung) zeigt, aber mir gefällt die Zurückhaltung des neuen Covers sehr viel besser. Es ist deutlich ausdrucksstärker.

Yann und Marla und Jakob und Leni

Noch halten sie die Füße still – Yann und Marla, die Protagonisten aus meinem November-Roman. Doch sie beginnen bereits das Flüstern der Geheimnisvollen. Nicht mehr lange und sie werden meine volle Aufmerksamkeit verlangen. Traditionell folgt dem NaNoWriMo-November der Überarbeitungs-März, in dem die 50.000 Wörter überarbeitet werden. Frei nach dem Motto: Wer A schreibt, muss auch B schreiben.

Und dann gibt es da auch noch »Das Haus der vergessenen Geister«, Leni und Jakob, die eben nicht vergessen sind. Einen klassischen (Print-)Anlauf werde ich damit noch wagen. Dazu war das Fazit der Agenturen zu wenig ernüchternd. 😉 Und dazu ärgert es mich zu sehr, dass ich mir in euphorischem Ehrgeiz selbst das Konzept zerschossen habe. Wie viel Zeit und Nerven es mich kosten wird, die 650 Seiten zu überarbeiten, weiß ich noch nicht. Aber ich will es versuchen.

Adopt a day

Ja, auch Tage kann man adoptieren. Das dachte sich der Initiator des Projekts »Adopt A Day«. Ein Buch soll entstehen, eine Jahres-Chronik, die das allgemeine Weltgeschehen dem persönlichen Weltgeschehen einer Person gegenüberstellt. Ein Spiel der Wahrnehmungen, eine Liebeserklärung an die Bedeutung, die jeder Einzelne von uns in dieser Welt hat. Dazu bewirbt man sich für einen Tag und erzählt, warum man sich ausgerechnet diesen Tag ausgesucht hat. Das Buch soll Anfang 2015 erscheinen. Jeder Tag bekommt darin eine Doppelseite, auf deren Linken die Schlagzeilen aus der Presse und auf deren Rechten der Bericht der Adoptivmutter oder des Adoptivvaters steht. Am 19.07. werde ich darüber schreiben, wie es ist, ganz bewusst aus der eigenen Komfortzone zu treten.

Mitmachen kann jeder, der etwas erzählen möchte. Wer sich bewerben will – es sind noch Tage frei: www.adoptaday.net

Der digitale Wind

Er weht mir ja schon seit langer Zeit um die Ohren. Noch bin ich zögerlich, mir die Klamotten vom Leib zu reißen, die Arme auszubreiten und mich seinem verändernden Einfluss hinzugeben und zu sehen, wohin er mich treibt. Aber wer weiß, was dieses Jahr noch so passiert. Wenn »Das Haus der vergessenen Geister« in keinem Print-Verlag verlegt wird, könnte es mein erstes E-Book werden …

Foto-Synthese

Sehr konkret ist die Idee, die ich zusammen mit dem Fotografen Sven Christian Schramm habe: eine Symbiose aus seinen Bildern und meinen Texten. Wie viel ich von dem Projekt preisgeben darf, weiß ich grad nicht. Er wartet noch auf meinen Anruf, damit wir Details besprechen können. Eines aber ist gewiss: Er hat diesen besonderen Blick und ich freue mich, dass er mich gefragt hat, ob wir etwas zusammen machen wollen.

NaNoWriMo

Auch in diesem Jahr wird er stattfinden. Und ich bin sehr gewillt wieder teilzunehmen (auch wenn es mich gleichfalls graust)! Her mit den Rahmen, in denen die Disziplin sich selbst erfüllt.

Das Brot auf meinem Tisch

Auf einige bestätigte Artikel freue ich mich ganz besonders, so schreibe ich beispielsweise für ein Print-Magazin über alte Menschen in unserer Gesellschaft, über den Konflikt, den das Aufeinanderprallen von Ursprünglichkeit und Kultur in uns auslöst, über hochsensible Menschen und – ein wenig gesellschaftsphilosophischer – über die äußere Rebellion als Spiegel einer inneren Zerrissenheit und als Ausdruck einer Distanz, auf die der Mensch zu sich selbst gegangen ist. Ich freue mich wie ein kleines Kind auf diese Aufträge und werde die Artikel – wenn es möglich ist! – zu einem späteren Zeitpunkt auch hier veröffentlichen.

Zu viel des Guten?

Oft nimmt man sich ja mehr vor, als man bewältigen kann. Einfach, weil das Jahr so glatt und ungefüllt vor einem liegt, weil man die Unwägbarkeiten noch nicht kennt, über die es sich zu stolpern lohnt und weil es Hermann Hesse einfach so wunderbar verstanden hat:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Ich liebe Anfänge. Ob das nun ein neues Jahr ist oder ein weißes Blatt Papier – leer (r)ausgehen, werden wir in keinem Fall. Egal, wie viel von dem, was wir uns wünschen und vornehmen dann auch klappt.

 

 

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Rückblick auf Kapitel 2013

Ich mag den Übergang von einem Jahr zum anderen. Ein Jahr in einem Leben, ähnlich wie ein Kapitel in einem Buch. Ein jedes birgt eine eigene Welt und funktioniert doch nicht ohne die dramaturgischen Spielereien seiner Vorgänger, wirkt trostlos ohne die Hoffnung auf die Folgekapitel. Sie alle fügen sich ein in das große Ganze, das man Geschichte nennt. Lebens-Geschichte.

Einen persönlichen Rückblick auf Kapitel 2013 habe ich mit meinen Mädels bereits am Silvesterabend gewagt. In intimer Runde saßen wir bei Kerzenschein, selbstgekochtem Curry, Rotwein, Salat und Pasta und gingen die kleinen und großen Dramen unserer Monate durch. Wir ließen unsere Pläne und Hoffnungen Revue passieren, die wir uns genau ein Jahr zuvor am Lagerfeuer auf bunte Blätter notiert hatten. Und wir taten dasselbe wieder für 2014.

Für 2013 möchte ich das nun auch hier in meinem Blog und für mein Schreiben tun. Denn es war ein spannendes Jahr, ein getriebenes Jahr, das mich künstlerisch vor viele Aufgaben und Herausforderungen stellte. Wie in kaum einem anderen Jahr habe ich gespürt, wie sehr doch das leidenschaftliche Schaffen einer Sache mit der eigenen Zerbrechlichkeit verknüpft ist! Der nächste Versuch einer ersehnten Buchveröffentlichung musste auch 2013 hintenanstehen – zu sehr war ich gefangen in den Veränderungen der Buchbranche, die auch meine eigene Identität immer wieder ins Wanken bringen. Ich bewundere Schriftsteller und Autoren, die ungeachtet dieser Entwicklungen, ihren Weg gehen – wenn nicht mehr in den alten Schuhen, dann eben barfuß oder mit dem Elektrowagen.

„Schreiben unter Strom“

Noch tiefer hinein in die Digitalität der Worte, als schon durch mein Blog, wagte ich mich am 01. JANUAR 2013, als meine Facebook-Seite online ging. „Eva Bali schreibt“ war für mich ein großer Schritt, weil Social Media und die Art, wie ich lebe, wahrnehme und verarbeite, fast nicht miteinander vereinbar sind. Durch das Schreiben selbst lebe ich in einer Welt des Inneren, die wiederum allein durch mich lebt oder stirbt. Als Kontrast brauche ich das „Greifbare“, muss mit allen Sinnen aufnehmen und abgeben, brauche Natur und Wind, Bewegung und Austausch, Wandel und Veränderung, die Hitzigkeit von Diskussionen, die Tische zum Erbeben bringt und den Blick in die Augen von anderen. Weil ich aber das Neue liebe und das Experimentieren mag, habe ich diese Facebook-Seite eingerichtet. Skepsis und Zweifel gegenüber diesem Schritt waren es auch, die mich noch einmal nach Wolfenbüttel in die Bundesakademie trieben: „Schreiben unter Strom“ hieß das Seminar zu Facebook, Twitter & Co. unter der Leitung von Stephan Porombka, der in faszinierender Leichtigkeit das Parkett von Social Media betanzt. Als ich nach Berlin zurückkehrte, war ich gespalten zwischen Erkenntnis und Verunsicherung. Letztere ausgelöst durch eine unter Zeitdruck geführte Seminar-Besprechnung meines Blogs, die ich als wenig konstruktiv empfunden habe.

Und auf einmal steht man in 18 Zeitungen …

Ich beschloss, mich vorerst wieder auf das Schreiben allein zu konzentrieren: „Die Seiltänzerin“ war der Roman, den ich 2013 beenden wollte. Den ganzen FEBRUAR schrieb ich daran und kam kaum vorwärts. Im Juni veröffentlichte ich aufgrund der nicht weniger werdenden Nachfragen eine Leseprobe. Es sollte aber noch bis zum November dauern, um zu erkennen, was das Problem mit dieser Geschichte war. Es war ja erst MÄRZ und traditionellerweise ist das der Monat der Leipziger Buchmesse. Je näher die Messe kam, desto mulmiger wurde mir, und es gab Momente, da wünschte ich mir einen großen Erdrutsch, der das gesamte Messegeländer mit sich reißen würde – so kurzfristig, dass es für einen Alternativ-Standort zu spät sein würde. Die erwähnte Entwicklung der Buchbranche saß mir quer im Hals und ich litt an expressiver Atemnot. Doch als ich schließlich mit gepackten Koffern am Bahnhof stand, war ich fiebrig wie immer und gewillt, mich auf die Suche nach der emotionalen Brücke zu machen, die E-Books und Print-Bücher für mich verbindet, genauso, wie Bisheriges und Zukünftiges. Natürlich war es fulminant wie immer. Und das nicht nur, weil die dpa mich interviewte und dieser Artikel später in den Online-Auftritten von 18 Zeitungen und Zeitschriften zu finden war (unter anderem im Focus).

Schreiben ohne Strom

Ende März machte ich mich auf die Suche nach einer alten Schreibmaschine. Vielleicht spielten auch meine ambivalenten Gefühle zu Social Media mit in den Wunsch hinein, einen Selbstversuch zu starten. In jedem Fall aber taten es die Manuskripte meines Großvaters Rolf Strehl, die ich von meiner Mutter zu mir nach Berlin holte und die Tagebücher von Brigitte Reimann, die ich in diesen Monaten las. Sie ist eine Inspiration für mich – durch ihr gesamtes Leben.
Pünktlich zu meinem Geburtstag wurde ich fündig. Ein Drehbuchautor verkaufte mir zu einem unglaublich fairen Preis seine alte „Rheinmetall“, ein schwarzes Schätzchen in ausgezeichnetem Zustand, das mich in den Sommermonaten auf eine Zeitreise begleitete. Ich habe sogar meine Steuererklärung damit geschrieben. Doch auf die eine Weise bleibe ich ein Kind meiner Zeit, und so war bereits mein erster Tag mit der neuen Schreibgehilfin liebevoll ernüchternd …

Meine persönliche Heldenreise

Der SOMMER verging ohne viel Geschriebenes. Zwar blieb ich weiter an meinem Manuskript dran, aber letztlich machte ich mich in dieser Zeit vor allem auf eine sehr persönliche, emotionale Reise. Manche Wege müssen gegangen werden, auch wenn man glaubt, nicht einmal die Kraft für den ersten Schritt zu haben. Dieser Zeit ist sicher auch geschuldet, dass ich im September zusagte, mit einigen Texten aus meinem Blog an der „Langen Nacht der Bilder“ teilzunehmen. Zusammen mit meiner Freundin und Schreibgefährtin Selda arbeiteten wir Stunde um Stunde an den Vorbereitungen zu dieser Ausstellung, die im Café „Weder gestern noch morgen“ in der Gärtnerstraße 22, auch heute noch zu sehen ist. Ein grandioses Bad der Emotionen und mit Sicherheit ein Highlight meines Jahres, das mich nervlich fast in den Wahnsinn getrieben hätte (wie es Highlights eben so an sich haben). Wenn Öffentlichkeit für mich doch nicht genauso notwendig wie fatal wäre …

Viel geordneter und geschäftlicher ging es im OKTOBER zu. Zum ersten Mal bin ich nach Frankfurt zur Buchmesse gefahren. Ja, sie hat mir gefehlt, die Intimität von Leipzig, das kleine vertraute Gefühl von Wiedersehen – und irgendwann waren mir die Frankfurter Gänge zu lang, das Gewühl zu groß und die Bekanntschaften zu sehr vom Business gesteuert. Manche Menschen verlernen tatsächlich das Lesen zwischen den Zeilen. Die persönlichen Treffen mit Bekannten und Freunden und der große Spaß auf der Verlagsparty von Droemer und Knaur waren da schöne Ausnahmen. Zudem hat mich der Besuch dieser Messe dem genialen Schreibprogramm PAPYRUS näher gebracht – auf allen Ebenen. 🙂

Zweifel – aber jetzt erst recht!

Berlin lag inzwischen unter einer nassen Laubschicht, es war Spätherbst und damit die Zeit, in der Innen und Außen sich bei mir deckungsgleich anfühlen. Aber was wäre ein guter Roman ohne die Zweifel und Tiefpunkte seiner Protagonistin? Es muss Ende Oktober gewesen sein, als ich mir die Frage aller Fragen stellte: Was wäre mein Leben ohne das Schreiben? Es war die Konsequenz aus meinem Sommer, die mich zu dieser Frage bewog. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon, dass ich zum ersten Mal am #NaNoWriMo teilnehmen wollte, einem Online-Projekt, bei dem es darum geht, in 30 Tagen einen Roman zu schreiben. Natürlich weiß ich um das Feuer in mir, das für die Literatur brennt und sich nicht löschen lässt, weiß um die Entbehrungen der letzten Jahre, für die ich mich gerade auf der materiellen Ebene entschieden habe, um das Leben einer Autorin leben zu können. Und umso mehr trafen mich diese ersten Zweifel an der Sache selbst im Mark meines Herzens. Wütend und gewillt, diese Krise zu überstehen, stürzte ich mich in die Vorbereitungen zum #NaNoWriMo im NOVEMBER. „Die Seiltänzerin“ wollte ich fertigstellen, aber je mehr ich mich ihr näherte, desto mehr begriff ich, was ich schon Anfang des Jahres hätte spüren können: Dieser Roman ist zu komplex, meine Ansprüche an ihn zu hoch. Und seine Zeit ist noch nicht gekommen, ich bin noch nicht bereit für diese Geschichte. Es braucht weitere Lebenserfahrung und mehr Reife, bevor ich sie schreiben kann. Geduld würde da sicher helfen. O:-)

„Wie lang können vier Wochen sein?“

Und so verspürte ich Erleichterung, als ich beschloss, für das November-Projekt etwas völlig Neues zu schreiben. Ich konzipierte, verwarf und beriet mich mit lieben Menschen und hatte schließlich eine Geschichte stehen, die ich bereits am Ende des ersten Novembertages wieder verworfen hatte. 🙂 Es war das überfällige Einsehen, das ich nicht konzipierend arbeiten kann. Es langweilt mich zu Tode, wenn ich schon weiß, was passiert. Zumal ich einfach auch keine Dramaturgin bin. Dramaturgie entsteht bei mir im Prozess des Schreibens, entwerfe ich sie mit dem Kopf, wird sie nicht gut. Und so behielt ich die Hauptfigur, weil ich sie mochte, aber alles andere überließ ich dem Lauf der Dinge. Doch erst stellte sich mir eine Blasenentzündung, dann eine Nierenbeckenentzündung in den Weg, und der Durchschnitt von 1666 Wörtern, die man täglich schreiben musste, um am Ende des Monats auf 50000 zu kommen, erhöhte sich im Laufe des Projekts auf 2380 pro Tag. Aber ich habe es geschafft und am 30. November hatte ich einen ersten Entwurf von 50199 Wörtern geschrieben! Und nicht nur leidend, nein, es hat Spaß gemacht, einmal guten Gewissens ALLES andere liegen zu lassen und nur zu schreiben, schreiben, schreiben. Und wie in jedem gelungenen Kapitel eines Buches (oder im Jahr eines Lebens), schloss sich Ende des Jahres der Kreis: Es war das Social Media, genauer gesagt meine Facebook-Seite, die mir während des #NaNoWriMo die Seele gerettet hat. Die Likes und Kommentare, der Zuspruch und die Anteilnahme am Finden eines passenden Namens für die Antagonistin – es war heilend und ermutigend, dran zu bleiben. Auch, wenn ich mich im gesamten DEZEMBER in winterlicher Manier zurückzog vom Schreiben und vom Internet und mich einmal auf etwas ganz Profanes konzentriert habe: Geld verdienen auf neuen Pfaden. 🙂

Willkommen, Kapitel 2014! Du hast nicht weniger Seiten – ich freue mich unbändig darauf, sie zu füllen. Dazu mehr in den nächsten Tagen …

Auf, zu neuen Ufern!

 

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Alles hat ein Ende …

30 Tage und 50199 Wörter später kann ich es selbst nicht glauben – ich habe den NaNoWriMo tatsächlich geschafft. Und da mir gerade einfach die Worte fehlen (haha), lasse ich ein Bild sprechen – Rückblick und Fazit kommen in ein paar Tagen.

Glückwunsch an alle Mitstreiter und danke denen, die mich in den letzten 30 Tagen so unterstützt haben!! Es ist ein tolles Gefühl, ein Ziel zu erreichen!

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#NaNoWriMo: „Put those ugly, wrong words …“

Tag 16 geht zu Ende und damit auch der erste Tag der zweiten Hälfte meines „National Novel Writing Month“. 50.000 Wörter in einem Monat, was für eine Fahrt! Nach meiner Krankheit bin ich den fünften Tag wieder richtig gut drin, schaffe den neuen Durchschnitt, der sich durch die Schreib-Abstinenz von 1666 auf 2220 täglich erhöht hatte, und war mit 2370 Wörtern heute sogar darüber.


Ja, so langsam kriege auch ich einen wirren Kopf von all‘ den Zahlen und Berechnungen. Aber so sehr ich Zwänge hasse, diese frei gewählte Form der Disziplin eines Ziels, das es täglich zu erfüllen gilt, hat einen nicht gekannten Effekt auf meine Kreativität. Ob das nun Wörter, Seiten oder Stunden sind, ist völlig unerheblich, aber weiterzuschreiben, obwohl man gerade nicht mag, die Szene zäh ist oder eigentlich nicht so wirklich ins Gesamtgefüge passt, bedeutet vor allem, die Blockaden zu überwinden, die oft nur aus Müdigkeit bestanden, aus Hunger oder aus Langeweile. Denn dem Protagonisten Yann beim Zähneputzen zuzusehen, heißt nicht, dass ich es auch aufschreiben sollte, wenn nicht gerade ein Alien aus dem Abfluss steigt und ihm die Antwort auf das „Warum“ des Lebens steckt. Aber ihn zu beobachten, auch – oder gerade – wenn er langweilige Dinge tut, heißt, ihn kennenzulernen. Manchmal ist das schwer auszuhalten. 🙂

Aber wie Malinda Lo, eine erfahrene NaNoWriMo-Autorin schrieb, ist es nicht wichtig, jetzt etwas Richtiges oder Fertiges zu schreiben, sondern einfach weiterzukommen. Keep moving forward. Dies ist ein erster Entwurf, etwas, das ich noch nie gemacht habe. Alle meine Romane habe ich in geplanter Reinschrift geschrieben, später natürlich überarbeitet, aber jeder Satz war für eine Ewigkeit gemeint. Diesen Monat aber ist es ein Tanz mit den Worten, eine Übungsstunde oder auch der Grundanstrich einer Fassadenmalerei, über die Malinda Lo sagt:

Your first try will be riddled with mistakes, but that’s what revision is for. Right now, you only have to put those ugly, wrong words on the page so you can fix them later.

Yann und Marla (die getauft wurde, nachdem ich großartigen Input von den Lesern meiner Facebook-Seite bekommen habe) haben ihr Abenteuer begonnen und derzeit habe ich eine Geschichte vor Augen. Eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Eine Geschichte, die mich täglich wieder an den Schreibtisch treibt – auch ohne Zwang.

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#NaNoWriMo – Zwischenstand

Es ist kurz vor Mitternacht und ich fühle mich seit einer Woche zum ersten Mal ein wenig gestärkt, habe das Gefühl es geht bergauf. Tag 9 des NaNoWriMo fand ohne mich statt – so wie Tag 6 und 7 auch. Dazwischen habe ich es mehr schlecht als recht auf ein paar hundert Wörter täglich gebracht. Es war sicher nicht die Disziplin, die mir fehlte, sondern die Kraft. Ein paar fiese Bakterien malträtieren mich seit einer Woche und sind mir – im wahrsten Sinne des Wortes – „an die Nieren gegangen“. Zeitweise konnte ich nicht einmal schmerzfrei sitzen.

Aber noch liegen zwei Drittel des Novembers vor mir und das Projekt ist noch lange nicht vorbei. Die Geschichte hat inzwischen ein komplettes Eigenleben entwickelt, Yann, mein Protagonist offenbart sich täglich ein bisschen mehr und ich bin fasziniert davon, wie viel Potential alles entwickelt, wenn ich es einfach laufen lasse, nicht versuche, alles in einen Rahmen zu pressen und ein Konzept abzuarbeiten. Mehr und mehr erkenne ich den Sinn hinter den kleinen Details der Geschichte, hinter den Menschen, die in Yanns unmittelbarer Umgebung auftauchen, wie seine Kollegin Gritt und sein Bruder Erik, der in der Geschichte nur einmal auftauchen wird – und doch eine wichtige Rolle spielt. Und ich verstehe, warum Yann lieber in Hotels schläft als Zuhause. Und dann ist da natürlich noch die Drehbuchautorin …

Ich hoffe inständig, morgen wieder fit genug zu sein, um ein paar mehr als die 555 Wörter zu schaffen, auf die ich heute gekommen bin. Mit dem heutigen Tag liege ich bei 7744 Wörtern – und müsste mehr als das Doppelte haben. Werde ich die 50.000 Wörter im November trotz Krankheit schaffen?  Ich weiß es nicht. Wir werden es sehen. Ich bleibe dran, aber ob 50.000 oder 40.000 – eine lehrreiche Erfahrung für meine Art zu arbeiten ist diese November-Reise in jedem Fall. Angepeilt sind aber weiterhin 50.000.

Da an diesem Projekt alles anders ist als sonst, gebe ich euch einen kleinen Einblick in die Rohfassung (unlektoriert und unzensiert, es ist mir bisher tatsächlich gelungen), – dies ist der erste Absatz aus dem zweiten Kapitel:

Yann blickt aus dem Fenster. Die Landschaft wird winterlicher. Wo ihn noch vor wenigen Wochen die Unterschiedlichkeit der Grüntöne fasziniert hat, reiht sich nun ein hölzernes Skelett an das nächste, aufgereiht wie Zinnsoldaten auf Feldern, die ein gräulich-blauer Schleier bedeckt. Es sind diese Momente, in denen Yann die Schnelligkeit der Hochgeschwindigkeitszüge schätzt. Diesen unverrückbaren Zusammenhang zwischen Fortbewegung und Hoffnung.

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#NaNoWriMo – Tag 1

Heute beginnt mein November-Abenteuer NaNoWriMo (National Novel Writing Month) – in 30 Tagen einen Roman schreiben, der mindestens 50.000 Wörter hat. Für mich die Möglichkeit, einmal alles neu auszuprobieren und mich damit selbst auszutricksen, für euch die Möglichkeit unmittelbar an der Entstehung eines Romans teilzuhaben.

Zwei Wochen habe ich versucht, ein Konzept für die Geschichte zu entwerfen, die ich im November schreiben will. Zuerst habe ich meinen aktuellen Roman mit dem Arbeitstitel „Die Seiltänzerin“ genommen und versucht ihm eine Richtung zu geben, den Plot auszuarbeiten und ein Stufendiagramm zu erstellen, das den Roman in Szenen aufteilt. Natürlich habe ich schließlich alles verworfen, wie kann es anders sein. Es war wohl eine Mischung aus Trotz und weiser Voraussicht, denn ich musste schnell feststellen, dass all‘ die ungedachten Gedanken und Ideen dieser Geschichte zu komplex sind, um sie in 30 Tagen niederzuschreiben. Viel entscheidender aber war, dass die „Die Seiltänzerin“ ein Herzensprojekt ist, das ich nun einmal intuitiv begonnen habe – und auch intuitiv beenden will, sprich, ich habe eine vage Idee, die ausreicht, um den kreativen Geist aus seiner Flasche zu locken – den Rest überlasse ich der schreibenden Intuition und dem Fluss. Da bin ich wohl eigen.

Es musste für den November also eine neue Geschichte her. Gemeinsam mit Selda Atlas-Temür, mit der ich auch die Ausstellung zur „Langen Nacht der Bilder“ gemacht habe, habe ich mich einen Abend hingesetzt und geplottet. Mein Gott stand mir dieser Abend bevor, aber mit Selda an meiner Seite war das Ganze ein inspirierender Spaziergang. Die Grundidee war mein Treatment für einen Spielfilm, den ich 2007 im Rahmen meiner Bewerbungsphase an der Ludwigsburger Filmhochschule entwickelt habe. „Jay Jackson oder die legendäre Reise“ handelt von einem Analphabeten, der in einem perfiden Spiel der Medienindustrie für Unterhaltung und Einschaltquote „geopfert“ wird. Seine Gutgläubigkeit und sein großes Herz werden ihm zunächst zum Verhängnis – und ebnen ihm schließlich den Weg, das Spiel umzudrehen und vom Statisten zum Regisseur seines eigenen Schicksals zu werden.

Viele Zigaretten und zwei Glas Wein später hatten wir in dem kleinen, inspirierenden Bungalow dann ein Grundgerüst auf die Beine gestellt, aus dem ich gestern schließlich meine Geschichte konzipiert habe. Ein fertiges Konzept ist mir auch diesmal nicht gelungen. Es will einfach nicht. Oder ich will nicht. Vielleicht aber ist auch das, was meine Kreativität ausmacht von einem Stern, der seinen Input nicht aus Ratio und Überlegung zieht sondern aus dem ungefilterten Chaos. Aber o.k., der NaNoWriMo dient schließlich der Selbsterfahrung und auch der Versuch des Plottens ist ein Teil davon. Viel wichtiger als ein fertiges Stufendiagramm und eine fertige Geschichte ist mir auch der Protagonist Yann, der – ähnlich wie Jay Jackson – bisher unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Neunzig Prozent der Geschichte werden sich im Bord-Bistro eines ICE entfalten, wo Yann als Bahn-Mitarbeiter der Melancholie verstreichender Kilometer lauscht. Die Dauer seiner sozialen Kontakte beschränkt sich auf die Zeit, die zwischen Punkt A und Punkt B liegt, bis er eine Krimi-Autorin kennenlernt, die planlos von einer Stadt zur nächsten fährt. Ihr erklärt er, warum es für sein Leben kriegsentscheidend ist, mit dem kaputten Inventar seines Bistros zu improvisieren, anstatt es bei der zuständigen Stelle der Bahn zu reklamieren. Und sie erklärt ihm, warum am Ende immer einer sterben muss. Der Arbeitstitel meiner Geschichte: „Jay Jackson muss sterben“.

Seit Mitternacht nun stehe ich komplett unter Adrenalin. In einem spontanen Anfall bin ich bei Eiseskälte gestern noch zu einer NaNo-Schreibgruppe geradelt, die sich in einer Bar getroffen hat, um gemeinsam in den NaNoWriMo hineinzuschreiben (ja, diesmal mache ich wirklich alles anders). Seit heute Nacht um 1 hat mein Projekt 518 Wörter – 1166 meines Tagespensums fehlen noch.

Diese Art des Schreibens ist neu für mich und umso spannender: Keine vorgelatschten Pfade, deren Raststätten ich kenne und deren Unebenheiten ich glaube, abwägen zu können. Noch nie habe ich geschrieben, ohne gleichzeitig zu lektorieren. Ein Abenteuer, das ich mit großer Motivation beginne – wissend auch, dass ich nicht allein bin. Die ungeheure Zahl von 221.838 Autoren nimmt dieses Jahr teil. Und die aufbauenden Worte der letzten Woche, die mich aus meinem Umfeld erreichten, haben mir so viel Kraft gegeben, dass ich mich fühle, als wäre ich schon auf der Zielgeraden! Ach, ja. Was wären wir ohne Illusion und Einbildungskraft …

Das Arbeitszimmer ist umgeräumt, all der energiezehrende Krempel ins Nebenzimmer verbannt und nun geht es los! Ich werde immer wieder hier, auf Facebook und Twitter von meinem Fortschritt berichten und über Ansporn und Austausch würde ich mich nicht nur freuen – ich brauche sie sogar!! Also, meine Lieben – seid bei mir, das wäre grandios!

Mein Arbeitsplatz

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In 30 Tagen eine Welt

Ein Schluck kalter Kaffee von letzter Nacht, dazu die kratzende Stimme von Guesch Patti, die leicht eiernd von Vinyl erklingt, eine offene Balkontür und unter dunkler Decke ein schlafendes Friedrichshain. Schläft es noch? Oder wieder? Ich blicke vom vierten Stock in die Nacht hinaus. Kein Geräusch verwäscht die Farben dieses Songs, die Straßen sind still, die Menschen unterwegs in ihren Träumen. Und es ist mir egal, wenn ich sie wecke – immer wieder mit denselben Zeilen: „Il aime à la folie – au ralenti – je soulève les interdits …“. Zwischen meinen kraftlosen Fingern der Versuch, eine Zigarette zu drehen. „Etienne, Etienne…“ Das gleichmäßige Glimmen wie der kleine Leuchtturm meines Moments. Wie lang können vier Wochen sein? Es wird keine Überraschungen geben.

‚50000 Wörter‘ ist die Antwort. So lang werden die vier Wochen des Novembers sein. Nur mein Atem, der wird für eine gefühlte Endlosigkeit reichen müssen. „NaNoWriMo“ heißt das Experiment, auf das ich mich einlassen werde. „National Novel Writing Month“, ein amerikanisches Social-Media-Konzept mit dem Ziel, in dreißig Tagen einen Roman zu schreiben, der mindestens 50000 Wörter hat. Das Ziel ist es, den inneren Zensor mundtot zu machen, der sich normalerweise nur allzu gern in den Schreibprozess einschaltet und das Vorankommen der Geschichte blockiert. Das Ganze findet auf der Plattform http://nanowrimo.org/ statt, wo man sich anmeldet, sein Buchprojekt einträgt (und vorstellt) und am Abend die geschriebenen Wörter zum Zählen hochlädt. Das Forum ist die Kaffeeküche, in der man sich gegenseitig motiviert, stärkt und anspornt und vor allem feststellt: Man ist nicht allein!

Es klingt krass? Es fühlt sich auch krass an. 🙂
Ich habe keine Angst vor der Kombination aus Seitenpensum und vorgegebener Zeit, habe keine Angst vor dem Wahnsinn aus Schlaflosigkeit und innerer Aufruhr, der Einsamkeit, den vielen Zigaretten, dem Whisky, den Tränen, Hysterie und Surrealität und den überbordenden Emotionen, nein, ich glaube, wenn all‘ das fehlte, wüsste ich nicht mehr, wie die Welt heißt. Wovor ich mich wirklich fürchte, ist das Wie des Ganzen. Denn um in vier Wochen einen Roman von ca. 150 Seiten zu schreiben, muss ich mit Konzept arbeiten. Für mich, die ich schreibend dem chaotischen Denkprozess fröne, und dabei oft und laut über mich selbst lache, ist das der pure Horror, denn ein geplottetes Buch ist für mich ein totes Buch. Die Geschichte ist erzählt, wozu bedarf sie noch schöner Worte? Klingt auch krass? Ja, das stimmt. Aber ich schreibe um des Schreibens willen, liebe die Synchronität von Entdecken und Erzählen und mich interessiert nicht die beste und effektivste Art zu schreiben. Denn bereits mein Anspruch an Effektivität wandelt sich wöchentlich. Mal ist es die Anzahl der Seiten, die ich schreibe, das gute Gefühl, das ich dabei habe und mal die Fähigkeit zu wissen, wohin es geht oder woher es kommt, die ich als effektiv empfinde. Und dann wieder halte ich allein den Anspruch an Effektivität für völlig sinnlos. Mein einziger Versuch mit Überlegung und Theorie zu arbeiten ging vor acht Jahren gründlich nach hinten los. Ich bin zusätzlich also auch noch ein gebranntes Kind.

Dennoch und in aller Ehrlichkeit: Was so viele Jahre gut funktioniert hat, ist seit eineinhalb Jahren ein zäher Strom – ich drehe mich schreibend im Kreis, bin unzufrieden und langsam, komme nicht zum Ziel und stehe mir selbst im Weg. Es ist der Wind dieser Tage, der mich darin bestärkte, loszulassen und neue Wege zu versuchen. Die Buchmesse gab dann den letzten Ausschlag zu folgender Überlegung: Wenn ich nicht festhalten kann an Dingen, bei denen ich keine Leidenschaft mehr spüre, gibt es für mich nur einen einzigen Weg, um dennoch das Schreiben mit Konzept zu versuchen – ich muss schneller schreiben, als die Leidenschaft schwindet. Dreißig Tage sind eine gute Zeit.

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Die ‚Lange Nacht der Bilder‘

Im letzten Artikel waren es noch sechsmal schlafen und nun ist der große Tag bereits weitere sechs Nächte vergangen. Inzwischen bin ich auch wieder im Alltag angekommen – unsicher, ob es Alter, Zweifel oder einfach nur Berufskrankheit sind, die eine so lange Regenerationszeit erforderten: Die „Lange Nacht der Bilder“ ist vorbei und damit sind auch Kopfzerbrechen, blanke Nerven und Anfälle jeglicher Art passé. Nachdem wir am Samstag bis um sechs Uhr morgens in liebevoller Kleinstarbeit Bilder und Texte zusammengeführt und alles in ebenso liebevollem Perfektionismus an die Wand gehängt hatten, hingen unsere Nerven wirklich an seidenen Fäden. Der Tag brach an, als ich müde in die Kissen sank. Mein Schlaf war unruhig, getrübt von dunklen Gestalten und Botschaften, getragen von Erschöpfung. Als ich Stunden später ins Café kam, trugen mich leichte Beine und ein schwerer Kopf – Ambivalenz in ihrer schönsten Form.

Solche Events sind für mich immer eine Zerreißprobe, weshalb ich sie so hartnäckig meide. Aber ich weiß, dass ich im stillen Kämmerlein nicht vorwärtskomme. Aus diesem Blickwinkel argumentierend versuche ich alles stets als Experiment zu sehen, als Erfahrung, die mich lehrt – und als das Saatgut, das mich wachsen lässt. Und dann kann ich es schaffen. Und dann macht es sogar Spaß.

Viele liebe Menschen waren da, bekannte und unbekannte Gesichter. Und mehr als einmal habe ich mich neugierig neben die Schauenden gestellt, die vor unseren Texten und Bildern weilten. Unbeteiligt habe ich getan, natürlich. Und war doch mehr beteiligt, als die Besucher ahnen konnten. Und ich gebe zu, es hatte etwas Masochistisches, mich unter sie zu mischen und nach ihren Gesichtsregungen zu haschen. Wie viele Besucher es tatsächlich waren – ich weiß es nicht. Es war keine Menge, sicher nicht, aber es waren welche da. Und letztlich war mein einziges Ziel für diesen Abend zu wachsen und dabei zu überleben, es getan zu haben und zu lernen, dass es letztlich egal ist, was passiert. Die Resonanz von Lesern zu relativieren und weder den positiven noch den negativen Reaktionen eine zu gewichtige Bedeutung beizumessen – eine Bedeutung ja, aber keine ausschlaggebende – und bei aller Leidenschaft am inneren Feuer zu einer Ruhe zu kommen, die mich weiterträgt. Denn nur von dort kann der Antrieb kommen.

All‘ das ist mir gelungen – und darauf bin ich stolz. Wir hatten Whisky, wir hatten live gespielte Piano-Musik, einen fantastischen Konzertmitschnitt, Freunde um uns, Familie und Interessierte, hatten Gespräche und die Gewissheit, dass der Stress der Vorbereitungszeit zu Ende ist.* Aber das ist auch den Menschen zu verdanken, die mich besonders kurz vor der Veranstaltung gehalten und gestützt haben. Wunderbare Freunde und Bekannte, ohne die ich mit Pauken und Trompeten untergegangen wäre. Danke an euch! Und danke an die Menschen, die vorbeigeschaut haben und uns wachsen ließen.

*(Ein andermal berichte ich von dem Mittwochabend, als wir die Texte druckten und fast in eine Schlägerei gerieten).

Die Fotos sind etwas unscharf, aber irgendwie passen sie zu meiner Wahrnehmung des Abends 🙂
Mehr Fotos gibt es bei Facebook im Album „Lange Nacht der Bilder 2013„.

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Noch sechsmal schlafen …

Lange Nacht der Bilder

… dann steht die 6. „Lange Nacht der Bilder“ vor der Tür. Das Netzwerk „Kulturring in Berlin e. V.“ veranstaltet in Lichtenberg und Friedrichshain-Kreuzberg diese Nacht, in der alle denkbaren Orte sich in „improvisierte Galerien und künstlerische Begegnungsorte“ verwandeln.

Am nächsten Samstag nun ist es soweit, und ich habe die Möglichkeit, meine Texte in diesem – einmal ganz anderen – Rahmen zu präsentieren. Nicht vorgelesen, sondern „ausgestellt“ zwischen Fotografien eines sich wandelnden Berlins, das ich so liebe und das seit einigen Jahren zu meiner „Lebenswelt“ geworden ist, in der ich täglich neu belebt und inspiriert werde. „Lebenswelten“ ist auch das Motto der diesjährigen langen Nacht. Im Einklang mit den Fotografien und Texten von Selda Atlas-Temür, zu den Klängen und Videomitschnitten einer Big Band und der Lesung von Patrick O’Beirne (Schauspieler) konzipieren wir unsere Sinfonie der Künste – eine Liebeserklärung an Berlin.

Neben einigen bekannten Texten meines Blogs werde ich auch ein, zwei neue Texte dort präsentieren – Uraufführungen sozusagen. Lasst euch überraschen und erweist mir die Ehre, am Samstag im Café „Weder gestern noch morgen“ mit mir auf Berlin, das Leben und die Liebe anzustoßen. Ich würde mich wahnsinnig freuen, den einen oder anderen von euch wiederzusehen oder neu kennenzulernen.

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Die Würde von Tyke muss unantastbar sein

Tonnenschwer kracht der Elefant auf den Mann nieder, der noch kurz rücklings stolpert, dann fällt und keine Chance mehr hat, zu entkommen. Die Stoßzähne des Tieres bohren sich in den Körper, schieben den Mann meterweit durch den staubigen Boden, wieder und wieder stampft der Elefant auf dem wehrlosen Mann herum, tritt ihn wie einen Fußball, ehe er sich abwendet, mit aufgestellten Ohren einen Zaun durchbricht und flieht.

Achteinhalb Minuten des Filmes habe ich durchgehalten, dann bricht sich die Verzweiflung in mir Bahn. Im Takt der 86 Schüsse, mit denen die Elefantenkuh auf den Straßen Honolulus hingerichtet wird, rinnen mir die Tränen über die Wangen. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen, mein Körper bebt, ich schluchze ungehalten, um den überquellenden Schmerz zu kanalisieren. Das Szenario aus Gewalt und Tod überfordert mich. Ich sehe den zerschmetterten Menschen am Boden der Zirkusmanege und bin machtlos gegen all‘ die Emotionen, die mich übermannen: Glühende Wut, Schmerz und der unbändige Instinkt, in Notwehr um mich zu schlagen und selbst zu töten. Die Schlimmsten aller Gefühle aber sind Mitleid und Scham. Das Mitleid mit dem Tier. Und die Scham, ein Mensch zu sein.

Bald zwanzig Jahre ist es her, dass Elefantendame Tyke in einem Zirkus auf Hawaii „durchgedreht“ ist. Sie ging auf ihren Pfleger los, verletzte ihn tödlich, durchbrach Zäune und überquerte Barrieren, rannte jeden um, der sich ihr in den Weg stellte, um dorthin zurückzugelangen, woher man sie geholt hatte: in die Freiheit.

Das war nicht sie, verstehen Sie? Das war nicht Tyke. Das waren fünfzehn Jahre Qual, die sich da ihren Weg gesucht haben – ausgebrochen sind. Der Schmerz ist ausgebrochen.

Als vor genau einem Jahr, am 25. August 2012 im Kölner Zoo ein Tiger ausbrach, eine Pflegerin verletzte und daraufhin erschossen wurde, postete ich bei Facebook einen Artikel aus dem Focus mit kritischen Worten zur Tierhaltung. Ich prangerte die Überheblichkeit des Menschen an, der schlimmer wildert als jedes Tier, der sich erhebt über Natur und Leben, und kein Halten kennt in seiner Profitgier und seiner Vergnügungssucht. Wie immer war die Diskussion dazu konträr. Und wie so oft ging es Vielen dabei um die Frage, ob so ein Zirkusdirektor richtig gehandelt hat oder nicht. Dann wird darüber gesprochen, ob man so ein Tier mit scharfer Waffe töten musste oder doch mit einem Betäubungswehr hätte niederstrecken können. Man diskutiert über die Sicherheit in Zoos und in Zirkussen, über die Gefahr für die Kinder und Besucher und genau da, an dem Punkt möchte ich nur noch schreien und „zum Tier werden“ – um nicht mehr Mensch sein zu müssen. Dann fehlen mir die Worte, weil ich nicht fassen kann, dass man erwachsenen, intelligenten Menschen den Sinn für das Leben an sich nahebringen muss. Denn es geht nicht um die Frage, ob die Wahl der Waffe richtig war oder ob „zu irgendeiner Zeit Gefahr für Leib und Leben von Besuchern bestanden hat“, sondern darum, wieso es überhaupt erst dazu kommen muss, dass man darüber nachdenkt, mit welcher Waffe man auf einen Tiger schießt.

Das Problem sind nicht die durchdrehenden Tiere, das Problem ist der Mensch, der sich die Wildheit in die Zivilisation holt und dann nach „Sicherheit“ schreit, wenn ihm alles entgleist. Das Problem ist der Mensch, der aus einem wilden Tier eine profitbringende Attraktion macht, es mit Folter und Gewalt dazu bringt, Dinge zu tun, die gegen seine Natur sind. Ja, es geht um Leib und Leben – aber nicht um unseres. Denn der Mensch weiß um Risiken und um Konsequenzen aus seinem Tun, er ist in der Lage abzuwägen und zu taktieren, er kann einschätzen und entscheiden. Er verfügt über logisches Denkvermögen, Weitblick und Bewusstheit. Und deshalb trägt ein Mensch auch Verantwortung. Ob er nun derjenige ist, der das Tier der freien Wildbahn entreißt und in enge Käfige steckt, derjenige ist, der mit Schlägen seinen Willen bricht oder der, der sich an der „Show“ im künstlichen Licht der Bühne ergötzt.

Ihr habt sie zur Waffe gemacht und dann – hat sie sich entladen. Die ganze Angst, der ganze Zorn.

Nein, es gelingt mir nicht, José Padilla zu bemitleiden, dem ein Stier bei einem Kampf ein Auge ausstach und ich kann nicht umhin zu denken ‚Selbst schuld‘, wenn ich die jungen Männer sehe, die bei der Hetzjagd von Pamplona auf die Hörner genommen werden. Das Opfer ist nie der Mensch, sondern immer das Tier.

Ich habe sehr mit mir gerungen, ob ich diesen Film anschaue, gedreht von PETA, in deren Auftrag ich auch schon gearbeitet habe, wissend, dass diese Organisation uns nicht schont mit Bildern wie diesen. Aber ich wusste, dass ich ihn sehen muss, wenn ich diesen Artikel schreiben will. Und es ist wichtig, ihn zu schreiben. Denn noch fassungsloser als die Bilder von gefangenen Tieren, die Menschen töten oder angreifen, machen mich Bilder von jungen Familien mit kleinen Kindern, die mit Zuckerwatte am Gehege von Zoos stehen oder zwischen Luftballons in der ersten Reihe im Zirkus sitzen.

Wir sind kulturelle Wesen, wissbegierig und voller Neugier. Wenn wir klein sind, stellen wir Fragen und erwarten von unseren Eltern die Antworten – von unsere Eltern, denen wir vertrauen und in deren Händen unsere Zukunft und unser Leben liegen. Sie prägen uns maßgeblich, bilden das Fundament unseres Wertesystems und unseren Blick auf die Welt. Es ist wunderbar, wenn sich Eltern dieser Verantwortung stellen, wenn sie sich Zeit nehmen zu erklären und zu zeigen. Es ist auch toll, wenn sie zu einem Zirkus oder Zoo gehen oder sich aufmachen, ihren Kindern ein Delfinarium zu zeigen. Doch vor den Toren sollten sie Halt machen, sie sollten nicht hineingehen, sondern sich hinhocken auf Augenhöhe der Kinder und ihnen erklären, dass jedes Leben in Freiheit geboren wird und dass niemand das Recht hat, ein anderes Lebewesens einzusperren, besitzen zu wollen oder seinen Willen zu brechen. Kein Delfin gehört hinter Glas, kein Bär will tanzen und kein Tiger durch einen brennenden Reifen springen. Und kein Kaninchen möchte in einem Käfig sitzen und dem Menschen zur Verfügung stehen, wenn er es streicheln und mit ihm kuscheln will.

Ich weiß aus Erfahrung, dass Kinder das verstehen. Sie bekommen kein Trauma, weil es nicht notwendig ist, ihnen Details über die Tierquälerei zu erzählen. Es reicht ihnen völlig aus zu wissen, dass Freiheit etwas ist, das für alle gilt.
Kinder verstehen das.
Viele Erwachsene leider nicht mehr.

Teilt dies, damit die Erwachsenen wach werden! Unterschreibt und teilt die Petition, damit kleine, neugierige Kindern die Chance haben, zu verantwortungsvollen Erwachsenen zu werden, die wissen, dass Leben und Freiheit schützenswert sind – egal, wem sie gehören. Das Gesetz zu ändern beseitigt die Folgen menschlicher Überheblichkeit, die Haltung gegenüber dem Leben zu ändern, ihre Ursachen.

Und alles was bleibt, ist (Tykes) lebloser Körper und dieses lächerliche Partyhütchen. Als würde man sie auch noch nach ihrem Tod verspotten.

 Die Petition für ein Verbot von Wildtieren in Zirkussen und der Film „Der letzte Auftritt“:

http://tyke2014.de/

Weitere Infos unter:

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Aufbruch in die Einkehr

Heute Abend zog ich durch die Straßen Friedrichhains. Ziellos und hungrig saß ich eine Zeit in meinem kleinen Bus, der einen guten Fußmarsch von meiner Wohnung entfernt in einer Nebenstraße steht. Erschöpft war ich, aber auf stille Art beseelt und angefüllt von der satten Luft nach einem kurzen Schauer. Der Wechsel der Jahreszeiten treibt mich derzeit um. Genussvoll. Aufreibend. Und heilend.
Wenn der Sommer in den Herbst übergeht, gleichen manche Tage den wellenartigen Schmerzen einer Geburtswehe: Wo am Tage noch die Sonne lockte, überrascht der Abend die Welt mit feuchter Kälte. Die Leichtigkeit endloser Sommerabende beugt sich langsam vor der nahenden Dunkelheit. Als leuchtende Symbiose zwischen warm und kalt, Farbenfreude und kühler Helle, steht der Herbst parat. Schwellenwächter meiner Träume …

Zum Glück habe ich immer ein Notizbuch dabei. Ich konnte nicht anders, als dem Brainstorm nachzugeben, der durch meinen Kopf wirbelte wie gefallenes Laub.

Herbst ist/sind für mich …

  • Hamburger Erinnerungen
  • fliehende Blätter
  • entblätterte Seelen
  • Tau auf den Dachziegeln
  • Melancholie, warm und klebrig
  • Lebensfreude
  • verankerte Seelen
  • Tiefsinn, greifbar
  • kühle Füße im Sommer-Endsand
  • Tee
  • und Kakao
  • die nächtliche Suche nach einer Wolldecke
  • überraschende Dunkelheit
  • … wie die zeremonielle Gemütlichkeit von Abendbrot
  • einsame, bunte Lampions in den Bäumen
  • leere Stühle vor den Cafés
  • Laubgeflüster
  • Kastanien, warm oder mit Streichholzbeinen
  • Laternen im Dunkel
  • entzündete Seelen
  • innere Weite, unendliche Tiefe
  • klamme Finger, ohne zu frieren
  • Todessehnsucht, schön und ohne Eifer
  • Lebendigkeit, die sich nicht aufdrängt
  • Vergangenheit, die auflebt
  • … „noch schnell dies und das“ zu tun
  • Händchenhalten
  • Blumen kurz vor ihrem Ende
  • verblühendes Leben
  • entfesselte Weisheit
  • Familie
  • Glück in seiner goldensten Form
  • Unsterblichkeit
  • das Gefühl von All-Einheit
  • warmer Apfelkuchen
  • Pflaumenkuchen, unvergleichlich
  • Frieden
  • Aufbruch in die Einkehr
  • Liebe, unverrückbar
  • Zimt & Zucker
  • im Regen ertrunkene Hoffnungen
  • fallende Kalenderblätter
  • fernes Donnergrollen und Wetterleuchten
  • atemraubende Nähe
  • … wie ein langer Blick ins Lagerfeuer
  • Vorfreude

Was ist Herbst für euch?

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Mutter Erde und ihre Kinder

Letzte Woche bekam ich eine SMS von meinem Freund. „Unglaublich. Sieh‘ dir das an, du musst herkommen“, schrieb er und hängte ein milchig-weißes Foto an, auf dem sich ebenso unscharf ein paar dunkle Flecken abzeichneten.
Der Tag war von niederdrückender Hitze gewesen, und so war auch er erst in den frühen Abendstunden an den Strand gefahren, um sich mit Freunden zu treffen. Ich war zu Hause geblieben, um etwas innere Ruhe zu finden und normalerweise gibt es fast nichts, was mich davon abbringen kann. Doch diesmal war es anders. Zwar konnte meine Ratio nichts mit dem Foto anfangen, aber eine innere Stimme geriet sowohl bei seinen Worten als auch bei dem Bild in inneren Aufruhr. Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich wusste, dass ich an den Strand musste – und das so schnell wie möglich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mit meinem Fahrrad die zwei Kilometer bis zur Küste fuhr. Die Sonne hing bereits so tief, dass sie sich hinter den Dünen meinem Blickfeld entzog. Meine Füße versanken im Sand, als ich die Düne hochstolperte und ich kam nur stockend vorwärts. Oben angekommen stützte ich die Hände auf die Oberschenkel und rang nach Luft. Als ich den Kopf hob, erstreckte sich der Strand in kilometerlanger Breite zu meinen Füßen. Es war fast windstill und der Atlantik ruhte in der Bucht, friedlich, als wäre er niemals in Bewegung. Ich sah sie sofort. Die kleinen schwarzen Punkte von dem Foto tummelten sich dicht an der Küste im Wasser. Am Strand zu meiner Rechten hatte sich eine kleine Menschenansammlung gebildet.
Ich rannte die Düne hinunter, schneller und schneller wurde ich und der Sand stob um mich herum. Ich genoss das kurzzeitige Gefühl, die Kontrolle über meine Geschwindigkeit zu verlieren und atemlos erreichte ich die Menschengruppe. Keiner sprach ein Wort, nur mein schnappender Atem war zu hören. Ehrfürchtig blickten alle auf die Delfinschule, die sich spielerisch vor der Küste bewegte, weitläufig flankiert von ein paar Badegästen, die in sicherer Entfernung das Schauspiel beobachteten. Hin und wieder reckte ein Delfin die Nase aus dem Wasser oder machte einen kleinen Sprung.
Was dann geschah, kann ich im Nachhinein nicht mehr rekonstruieren. Ich nahm mich selbst erst wieder wahr, als mir das Wasser bereits bis zum Bauch reichte. Meine Hosen hingen schwer an meinen Hüften und ich streifte sie ab. Dann tauchte ich tief ein in die glitzernde Oberfläche eines undurchsichtigen Atlantiks und seine Bewegungen empfingen mich wie eine gute Freundin. Nichts gab es mehr um mich herum in diesem Moment. Nicht die Bewegungen der Menschen, die sich aus der Gruppe gelöst hatten, nicht ihre Rufe oder die Trennung, die sich scheinbar naturgemäß zwischen Tier und Mensch zu befinden schien. Ein natürlicher Sog zog mich tiefer und tiefer in die Mitte dieser wunderschönen Tiere, die sich in einem ganzen Schwarm um mich herum bewegten, aufgeregt und unkoordiniert. Ich dachte an die vielen Bilder von Menschen, die sich von Delfinen ziehen lassen, an die Spielfreude dieser intelligenten Geschöpfe und versuchte vorsichtig nach einem der vorbeiziehenden Rücken zu greifen. Der Delfin wand sich unter meiner Hand, er schlug einen schnellen Haken und entglitt mir. Seine schreckhafte Bewegung übertrug sich auf das Rudel und ich spürte die gestörte Harmonie, die sich knapp unter der Wasseroberfläche abspielte. Diese Delfine waren verschreckt, in ihnen kollidierten naturgegebene Zutraulichkeit und grausame Erfahrungen. Ich hielt inne, ließ mich vom Salzwasser treiben und verhielt mich ganz ruhig. Vor meinem inneren Auge sah ich rotgefärbte, japanische Buchten und blutverdickte Küstenabschnitte vor Dänemark. Ich sah verzweifelte Tiere durch Reifen springen und mit Bällen balancieren, tagtäglich begafft von Menschen, die glaubten, dass der Wissensdurst ihrer eigenen Kinder über alles erhaben sei. Die Tiere hatten keinen Grund uns Menschen wohlgesonnen zu sein. Keinen. Und ich fragte mich, ob diese zwei Dutzend Delfine, die sich an unsere Küste verirrt hatten, selbst hatten erleben müssen, wie ihr soziales Gefüge im menschlichen Blutrausch auseinandergerissen wurde. Hatten sie entkommen können, waren sie Überlebende? Oder passierte schleichend, aber doch unweigerlich die Einschreibung dieser grausamen menschlichen Taten in das evolutionäre Gehirn nachkommender Generationen, die eines Tages dazu führen würde, dass sich Natur und Tier endgültig vom Menschen abwendeten?
Die Tiere um mich herum waren nicht zutraulich. Sie waren auch nicht verängstigt, aber sie waren misstrauisch. Und eine große Traurigkeit überkam mich, als mir bewusst wurde, dass damit auch mein eigenes Vertrauen in die Tiere ein Ende fand. Es war die Sicherheit des Atlantiks, die mir Halt gab. Diese unergründbare Tiefe unter mir, das vertraute Salz, das meinen Körper umschloss und ihn an der Oberfläche trug. Ich bemerkte den langen Schatten unter mir erst, als die aufgeregten Schreie der Leute mich darauf aufmerksam machten. Ich war schon ein ganzes Stück weit vom Ufer entfernt, und als ich mich umblickte, sah ich wie der Menschen-Pulk aufgeregt am Ufer hin- und herlief und wild mit den Händen ruderte. Außer mir war niemand mehr im Wasser.
Etwas war im Gange. Unbehagen überkam mich, als ich den Wasserwirbel unter meinen Füßen verspürte. Zunächst nur leicht, kurz darauf dann deutlich stärker und nicht mehr schönzureden: Egal, was es war, es war mehrere Meter lang und ich konnte es in dem trüben Wasser nur schemenhaft sehen. Ich blickte mich um und schätzte die Entfernung bis zum Strand auf gute 100 Meter. Zu weit, um schnell und unbemerkt an Land zu kommen. Der Anflug von Panik war kurz, denn plötzlich teilte sich das Meer und keine zwei Meter von mir entfernt stieg eine dunkle Masse aus dem Wasser. Hoch und höher schraubte sich das imposante Tier in die Luft und von seinem furchigen, weißen Bauch stoben die Wassertropfen. Ich erinnere mich noch, wie für einen Moment alles Wasser von meinem Körper wegstrebte und ich das Gefühl hatte, auf den Grund des Meeres blicken zu können. Der Mund stand mir offen und ich legte den Kopf in den Nacken, als der tonnenschwere Körper des Wales sich in der Luft drehte wie eine Ballerina. Ich wusste, dass die Menschen am Ufer in diesem Moment den Atem anhielten. Sie sahen mich bereits unter dem großen Körper begraben, waren sicher, dass dies ein Angriff war und das Tier mich töten wollte. Aber ich hatte keine Veranlassung, zu fliehen. Alles, was ich spürte, war unendliche Faszination und ein Gefühl von Zuhause. Der Wal war mir wohlgesonnen und wir beide Geschöpfe des Meeres. Der Sog, der entstand, als der schwere Körper im dunklen Wasser aufschlug, riss mich mit. Ich gab mich der Bewegung hin und streckte den Arm aus. Meine Hand berührte den großen Körper, er war weniger glatt als der Delfin, aber die Präsenz dieses Tonnengewichts erfüllte mich augenblicklich mit einem tiefen Gefühl von Vertrauen und Liebe. Und in dem Moment verstand ich Paul Watson, der sein Leben dem Schutz der Meerestiere verschrieben hat und das Ihre kompromisslos verteidigt. In meinem Kopf lauschte ich noch einmal seiner sonoren Stimme, die von dem Moment erzählte, der Ursprung und Quelle all‘ seiner nachfolgenden Kämpfe geworden war: Der Moment, als er einem sterbenden Wal in die Augen geblickt hatte und keinen Schmerz sah, sondern Mitleid – Mitleid mit den Menschen.

Der Wal glitt erneut an mir vorbei, streifte meine Beine, verlangsamte sein Tempo und wenige Meter von mir entfernt machte er eine Kehrtwende und hielt erneut auf mich zu. Kurz bevor er mich erreicht hatte, hob er seinen Kopf aus dem Wasser und es dauerte einen Augenblick, bevor ich bemerkte, dass er mich direkt ansah. Mir stockte der Atem, so durchdringend wirkte sein Blick, so tiefgründig und vertraut. Ich war ergriffen, als er seinen Kopf zu mir wendete und ich sein Maul berührte. Es war weich und fleischig und ich ließ meine Hand vertrauensvoll darauf liegen. Stille umschloss uns. Kein Rufen war mehr zu hören und eine endlose Weile trieben wir einander gegenüber, in harmonischem Einklang und von Nichts umschlossen als von Wasser und Liebe. Ich blickte in die Tiefe seiner Seele und der Wal in die meine. Raum und Zeit verschwammen und langsam erhob ich mich aus dem Wasser, als zögen unsichtbare Fäden mich nach oben. Höher und höher stieg ich und erst, als ich merkte, dass mein Körper sich von mir gelöst hatte und noch immer im Wasser unter mir weilte, wusste ich, dass ich langsam aufwachte. ‚Halt‘, wollte ich rufen. ‚Nicht aufwachen, bitte.‘ Aber es war zu spät. Die Nacht war zu Ende und ein neuer Tag forderte meine Präsenz. Das Letzte, was ich aus dieser atemberaubenden Begegnung im Atlantik hinüberrettete, bevor ich die Augen aufschlug, war die untrügliche Erkenntnis, dass es keine Trennung gab zwischen dem Wal und mir, keine Trennung zwischen Tier und Mensch. Der Wal hatte alles Tierische abgelegt – und ich alles Menschliche. Wir waren eins. Immer gewesen.

Photo: galdzer

 

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Zeitreise, Tag 1

Nach einem ausgiebigen Frühstück und der morgendlichen Zeitungslektüre schleppte ich nun also gestern den kleinen, schwarzen Kasten auf den Balkon, um es mir unter dem Sonnenschirm bequem zu machen. Damals ein Leichtgewicht, wiegt sie heute mehr als mein erster Laptop.

Allein der Blick des Nachbarn war das Ganze wert. Und mein eigener, als der erste Tastenschlag vom Haus gegenüber widerhallte und die Vögel aus den Bäumen schreckte. Natürlich nur beinahe. Wir sind ja schließlich in Friedrichshain, da ist selbst das Anschlagsgeräusch vergangener Zeiten nichts Besonderes. Auch nicht für Vögel.

Mein erster Gedanke war: „Halleluja!“
Der Zweite: „Das Denken funktioniert nicht mehr.“

Denn wenn ich die Richtigkeit der Pawlow’schen Theorie jemals am eigenen Leib erfahren durfte, dann in diesem Moment, als ich ernsthaft gewillt war, einen Text auf der Schreibmaschine zu produzieren: Wie eng mein Denken mit der Bewegung meiner Finger verknüpft ist, welche Rolle allein das Aufklappen des Laptopdeckels hat, der Cursor meines Schreibprogramms, der als kleiner Mann mich an die Hand nimmt und durch die Zeilen führt – unglaublich. Aber ein Zurück gab es ja nun nicht mehr – in keinem Sinn. Was einmal in Papier gehämmert, ist geschrieben.

Kein Wunder, dass ich bei diesem Versuch nichts zustande brachte, außer die staunende Beobachtung aus der Meta-Ebene. Aber noch stehe ich ja am Anfang.

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Projekt Zeitreise

Ende März startete ich bei Facebook einen Aufruf. Nachdem ich auf einige mit Bleistift verfasste Manuskripte aus meiner frühen Schreibzeit gestoßen war, fiel mir auf, dass ich niemals mit einer Schreibmaschine gearbeitet habe. Ich bin damals direkt von Hand auf Computer umgestiegen.

Mein Interesse an der Zeit der „Tipperei“ (wie es meine Großmutter nannte) wurde sicher auch geschürt durch die alten Manuskripte meiner Großeltern, die ich vor einigen Monaten an mich genommen habe. Vor allem mein Opa als Schriftsteller und Journalist hat seine gesamten Werke mit der Schreibmaschine verfasst. (Es gibt sogar noch ein „Original“, das diesen Namen auch verdient: eine gebundene Ausgabe eines unveröffentlichten Werkes. Das einzige Exemplar überhaupt). Es hat mich sehr beeindruckt, die verschiedenen Manuskript-Fassungen zu sehen, die zwischen ihm (und meiner Großmutter) und dem Lektor per Post hin und hergeschickt und stetig verbessert wurden. Kreuzchen und Anmerkungen am Rand, Durchgestrichenes und per Hand Hinzugefügtes – wie viel Zeit und Arbeit dahintersteckte!

Auch die Tagebücher von Brigitte Reimann, die ich in dieser Zeit verschlang und die mir einen Einblick in eine ganz andere Zeit des Schreibens öffneten, trugen dazu bei, dass mich die Gedanken über das Wie meiner Arbeit nicht loslassen. Ich möchte wissen, wie mein Denk- und Arbeitsprozess sich tatsächlich gestaltet, wie viel Flexibilität in meiner Arbeitsweise noch möglich ist, jetzt, da durch technische Errungenschaften alles so bequem geworden ist. Der Schnelligkeit ist es sicherlich zuträglich, aber wie verhält es sich mit dem sinnlichen Beitrag zu meinem Schreiben? Mit dem Klang der Tasten, der Kraft, die für einen Anschlag gebraucht wird, dem Rascheln von Papier und dem leisen Klingeln am Ende einer Zeile? Was trägt die Haptik zu meinen Worten bei? Wie viel Anteil hat die Bequemlichkeit, wie viel das Mechanische und Greifbare? Immerhin weiß ich, dass die Umgebung für mich von großer Bedeutung ist. Ich kann nicht überall schreiben. Oder nicht überall dasselbe.

Über Umwege gelangte ich so schließlich an einen sehr charismatischen Drehbuchautor, der mir seine wunderschöne Schreibmaschine von Rheinmetall überließ. Der Kaufpreis war so niedrig, dass er eher als Schutzgebühr bezeichnet werden muss. Er hat sie geliebt, die Lady. Das sieht man an der guten Pflege, die sie erhalten hat. Und wie stolz ich war – ich war sicher, dass mich jeder in der U-Bahn um mein gut gepflegtes Relikt beneiden müsste. Am Liebsten hätte ich sie ausgepackt und vorgeführt. Das habe ich dann auch – im Treppenhaus, als ich meinem Nachbarn begegnete. Er restauriert alte Fahrradleichen und ist der einzige „offizielle Fahrraddieb“ Berlins, der die Wracks nach städtischer Aufforderung an den Besitzer, sie zu entfernen, mit einem Bolzenschneider loseisen darf. Er hat denselben Sinn für den Wert alter Dinge, wie ich. Gemeinsam standen wir in trauter Glückseligkeit und haben sie bewundert, die gute Rheinmetall.

Natürlich habe ich im Vorwege schon mal ein bisschen auf ihr geklappert und herumprobiert, sie beschnuppert und betatscht – sie ist zu schön, um unbeachtet in der Ecke zu stehen. Aber offiziell gestartet habe ich das Projekt nun heute.

Mein Ziel ist das tägliche Schreiben damit. Zunächst mache ich mich mit ihrer Mechanik vertraut, anschließend versuchen wir uns gemeinsam an Lyrik, später dann an Prosa. Auch eine Woche, in der ich alles auf der Schreibmaschine schreibe, was geschrieben werden muss, ist geplant. Ob ich einen ganzen Roman auf ihr schreibe, werden wir sehen. Das hängt von der Entwicklung des Selbstversuches ab. In der Lage dazu ist sie – ihr Vorbesitzer hat ein 90-seitiges Drehbuch mit ihr verfasst.

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Leseprobe


„Die Seiltänzerin“ (AT)

Zuhause erwartet sie die lange Weite eines Altbauflurs. Es gibt Tage, da muss sie ihre Wohnung erst neu kennenlernen, betritt den Wohnungsflur und stellt ihre Tasche mit der respektvollen Langsamkeit einer Besucherin neben sich ab, den Blick nicht gelöst von Länge und Höhe eines Ganges, an dessen Ende ein matter Lichtschein von links einfällt. Der Grundriss der Wohnung ist kreuzförmig und vielleicht war es diese symbolische Nähe zum Tod, die damals in ihr den unbändigen Wunsch erweckte, genau hier das Leben zu versuchen. Die Ahnung von Religiosität in einem ungläubigen Leben, dieser beständige Lichtschein am Ende einer unumstößlichen Dunkelheit.

Das Knacken der Dielen trägt sie bis zum Ende des Flurs. Sie verharrt an der Schwelle. Es ist die Stille, die sie bremst. Das Zimmer gleicht dem Standbild eines Lebens. Das Bett auf Bambushölzern in leidenschaftlicher Schlaflosigkeit zerwühlt, über dem Boden verteilte Kleider, die in eilender Bewegung ihren Platz fanden und dort nun beinahe zeitlos zwischen aufgeschlagenen Büchern verharren. Wartend auf die Rückkehr ihrer Besitzerin. Beginnend neben der Tür, schreiben Fotos an tapetenlosen Wänden die Spur eines bewegten Lebens nieder. Der Holzschrank biegt sich unter der Last seiner Jahre, eine Sonnenblume aus Plastik hat den Kopf gegen die Scheibe gedrückt, über ihr schwebt ein blauer Kolibri aus Glas. Ein leichter Vanilleduft verbreitet die Ahnung von süßer Sorglosigkeit. Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet, ohne Farben. Es lässt Raum für Geist und Bewegung seiner Bewohner, lädt ein zu verweilen. Sie dreht sich um und biegt nach links ab. Ihr eigenes Zimmer gleicht einem nie vollendeten Kunstwerk. Linientreu zieht sich Perfektion durch die Einrichtung, rechte Winkel, wohin man blickt, klare Linien, Durchblick, durchdachte Anordnung der Möbel. Sie besitzt nicht viele Sachen.

Unter der Glasplatte ihres Schreibtisches entdeckt sie Caruso. Er blickt hoch und über seinen großen Augen eilen die grauen Haare seiner Augenbrauen hin und her, als er schuldbewusst ihrem Blick ausweicht. Sie hockt sich auf den Boden neben ihn und greift in sein Fell. Es ist stumpf und leicht feucht. Vier Tage hat sie auf ihn gewartet. Manchmal saß sie stundenlang am Ende des Flurs auf dem Boden, die Hände um eine wärmende Tasse mit Kakao geschlossen, und hat sich gefragt, ob er überhaupt wiederkommt. Dabei hatte sie die kleine Klappe in ihrer Wohnungstür beobachtet, das scheppernde Geräusch von Plastik schon im Anschlag ihres Ohres. Zwei Jahre ist es her, dass Caruso bei ihnen eingezogen ist. Rebecka, ihre damalige Mitbewohnerin, die Tiere nur auf ihrem Teller mochte, hatte damals den kleinen struppigen Hundekopf in der Katzenklappe entdeckt und sich zu Tode erschrocken, und ihr gellender Schrei schien in Carusos Ohren wie eine Einladung zu klingen, seinen abgemagerten Körper noch ein Stückchen weiter durch das enge Quadrat zu schieben. Er war geblieben, Rebecka gegangen.

Sie hatte ihn Caruso getauft, weil er nicht bellt, sondern langgezogene Töne von sich gibt, wie ein Opernsänger. Er ist treu, aber frei. Bleibt er mal etwas länger bei ihr, wird er ihr sehr vertraut und sie fühlt sich fast versucht, ihn liebevoll „Enrico“ zu nennen. Aber meist verschwindet er rechtzeitig wieder und erspart ihnen beiden diese intime Last.

Dieser Roman, an dem ich derzeit schreibe, trägt den Arbeitstitel „Die Seiltänzerin“. Genau wie sein Vorgänger ist auch er ein Entwicklungsroman. Es geht um das Thema „Krankheit und Gesellschaft“ und situiert sich in dem Grenzgebiet zwischen der Norm einer scheinbar (!) gesunden Gesellschaft und dem Wunsch eines Kranken sich in ihr authentisch positionieren zu können (und zu dürfen). Der fließende Übergang von gesund zu krank und umgekehrt ist dabei das Schlachtfeld der Konflikte. Charakteristisch für den Roman ist, dass ich ihn lokal angesiedelt habe. Ich verwende Friedrichshainer Orte, die es tatsächlich gibt – was das Arbeiten manchmal sehr surreal macht, weil ich das Gefühl habe, „live“ dabei zu sein.

 

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Die Lebendigkeit der Dinge

Als sich Karlsson vom Dach vor einigen Jahrzehnten ein Bettlaken überwarf, um eine heldenhafte Jagd auf Einbrecher zu starten, begann meine Liebe zu Gespenstern. Mit lautem „Hui-Buuu“ rauschte der kleine dicke Mann hinter den zwei Halunken her und ich war damals sehr traurig, dass der Spuk ein so schnelles Ende fand und die Einbrecher Reißaus nahmen.
Es war vielleicht das einzige Mal, dass Karlsson und ich dieselbe Vorstellung von Spaß hatten. Denn den kurzbeinigen, sommersprossigen Kerl mit der Knollennase habe ich immer mit Skepsis betrachtet. Meine Vorstellung von Loyalität und freundschaftlicher Aufrichtigkeit war definitiv eine andere. Karlsson war bestimmt kein Freund, den ich mir wünschte – auch nicht für Lillebror. Aber die Gespenster-Nummer, die hat doch einiges rausgerissen.

Nur kurz darauf bastelte ich mir ein eigenes Gespensterkostüm. Der gewünschte Propeller wuchs mir zwar trotzdem nicht, aber der Spuk, der anschließend in meinem Zimmer herrschte, kompensierte das eine Weile ganz gut. Natürlich wurden die selbst betriebenen Geisterbahnen, Höhlenbauten und die in kindlich-großzügigen Wachsmalstrichen gehaltenen Fantasiegestalten irgendwann weniger.

Was blieb, war die Leidenschaft für das Seelenvolle.

Denn fortan begann ich, tatsächlich Gespenster zu sehen. Und was nicht von allein spuken wollte, so, wie die gesammelte Kolonie französischer Glühwürmchen, die eine Nacht meinen Nachttisch erhellte, wurde kurzerhand zum Leben erweckt: Wie wohl alle Kinder übte ich mit Kuscheltieren, später klassisch mit Wolkenraten oder Fingerfiguren im Lichtkegel einer Schreibtischlampe. Doch wo andere „Kinder“ in fortgeschrittenem Alter ihre Kuscheltiere verschenken oder gar entsorgen, sehe ich mich heute nicht nur mit vorwurfsvollen Blicken konfrontiert, wenn ich mit der Flohmarktkiste komme, um endlich auch erwachsen zu werden. Nein, ich höre ihre Stimmen, wie sie mich fragen, ob ich noch ganz richtig im Kopf bin, manche weinen bitterlich, andere sind ganz stumm, dafür zittern sie vor Angst. Das sind meist die Teddys, die ganz alten, deren Fell platt an ihrem Körper anliegt und die diese gebrechliche, aber weise Aura haben. Manch einer versteckt sich sogar. Natürlich ziehe ich unverrichteter Dinge wieder ab.

Und auch zu Studienzeiten geschah hin und wieder Unvorstellbares. Zum Beispiel an diesem langen Abend mit Adorno und Horkheimer im ersten oder zweiten Semester, als beide einmal mehr mit Kryptologie glänzten. Es geschah viel zu schnell, umso horrender war die Szenerie, die sich meinen Augen darbot: Die ungeschickte Tipp-Ex-Maus hatte sich lieber an den Fehlern anderer aufgerieben, als die eigene Unzulänglichkeit im Auge zu haben. Der Zusammenstoß war kurz, aber heftig. Tragik und Blut waren die einzigen Zeugen. Die Gemeinde trauerte.

Dass ich dann irgendwann nach Berlin flüchtete, lag allerdings weder an Horkheimer und Adorno, noch an den grauenhaften Unfällen auf meinem Schreibtisch. Auch die Wesen und Geister in meinem Kopf waren nicht schuld – sie kamen selbstverständlich mit.

So schaute ich eines Tages aus dem Küchenfenster unserer ersten Wohnung in den Hinterhof zum Nachbarn hinüber und dachte spontan: „Nein! Bitte nicht springen!“

Nun bin ich ja ein sehr morgenmuffliger Mensch und man sollte meinen, dass die Kraft für fantastische Spielereien sich tagtäglich erst warmlaufen müsse. Doch weit gefehlt – die Fantasie kennt keine Feiertage. So sitze ich morgens beim Frühstück meist recht gedankenverloren und versunken am Tisch und esse mein Müsli. Im Sommer hat dies einen ganz besonderen Zauber, weil es dann all‘ die traumhaften süßen Beeren gibt: Erdbeeren, Himbeeren und vor allem Heidel- und Blaubeeren. Da fällt das Aufstehen leichter als zu anderen Jahreszeiten, weil mich bereits die Vorfreude aus den Laken treibt. Doch richtig wach werde ich in dem Moment, wenn mich mein Frühstück aus großen fragenden Augen anschaut, als wolle es sagen: „Bist du sicher?“ Nein! Natürlich bin ich dann nicht mehr sicher! ESSEN kann ich das jedenfalls nicht.

Die Kommunikation mit den Dingen und der Wunsch nach der lebendigen Unbedarftheit einer Kindheit haben nicht nachgelassen. Gerade hier, in meinem geliebten Berlin gibt es an jeder Ecke Gelegenheit, Gesichter und Augen zu sehen in Dingen, die eigentlich keine Gesichter und Augen haben sollten.

Und hier kehrte der Spuk meines Alltags eines Tages schließlich ganz unverschleiert zurück zu seinen Anfängen.

Es war an einem sonnigen Märztag vor zwei Jahren. Ich saß im „Weder gestern noch morgen“, meinem Stamm-Café, über dem ich damals noch wohnte, und war erfüllt von Glück und Leere. Nur eine Stunde zuvor hatte ich meinen Roman „Das Haus der vergessenen Geister“ beendet, da erschienen mir ebendiese – und mit ihnen Karlsson und sein Bettlaken. Es dauerte nur wenige Sekunden, aber ich war geistesgegenwärtig (haha) genug, die Kamera zu zücken.

Und war ich jahrelang einfach nur sicher, dass ich mit dieser „wesensbildenden“ Eigenart nicht allein bin, so habe ich seit Facebook & Co. den täglichen Beweis, dass ich in dem Punkt eben doch ziemlich normal bin – man muss zum Beispiel nur einmal in der Bildersuche einer Suchmaschine „Drunk octopus wants to fight“ eingeben. 🙂

Im September letzten Jahres bin ich nun umgezogen und wohne in meiner absoluten Wunschwohnung. Kein Anspruch war mir bei der Wohnungssuche zu frech, keine Bedingung zu gewagt – und die Chance, eine Wohnung zu den Konditionen zu finden, wie ich sie mir ersehnte, wurde eigentlich täglich aussichtsloser. Und doch sitze ich nun hier, in genau dieser Wohnung, die alles hat, von dem zu träumen ich mich traute. Und trotzdem sind es weder Balkon noch Badewanne, nicht die Dielen und nicht der Stuck, die ich als das Schönste in dieser Wohnung benennen würde, wenn man mich fragte. Nein, es sind die blinden Stellen an der Fensterscheibe im Arbeitszimmer, die das Licht im oberen der drei Fenster verdunkeln, leicht nur, aber umso zauberhafter und vertrauter.

Doch seht selbst …

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Reise nach Jerusalem

Eine Ungerechtigkeit dieser Welt ist es, dass es Dinge gibt, die nicht zusammenpassen, aber die einander brauchen. Und auf tragische Weise nicht ohne einander können. Nicht mit, nicht ohne – eine schmerzliche Patt-Situation auf Säulen der Abhängigkeit, in der irgendwann einer den Kürzeren zieht. Meistens der Bedürftigere.

Wie solche Beziehungen parasitär ausarten können, wenn Profit im Spiel ist, ist heute morgen in Berlin besonders deutlich geworden. „Hang whatever you can carry„. Der Aufruf der Deutschen Bank an alle „Kunststudenten, Hobbymaler oder Fotografen“, ihre Werke zu bringen, um damit die neue „Deutsche Bank KunstHalle“ noch vor ihrer Eröffnung am 18. April durch eine „wandfüllende Präsentation“ zu beleben.

Der Andrang war enorm. Mehrere hundert Künstler (noch gibt es keine offiziellen Zahlen) standen punkt zehn Uhr vor den Toren in der Charlottenstraße 37/38. Nicht, weil sie sonst nichts zu tun hätten, sondern weil die Devise lautete: „Gehängt wird, bis die Wände voll sind.“ Je mehr ich mich mit dieser Aktion beschäftige, desto höher steigt meine Galle.

Was stört mich? Ist es doch eigentlich eine tolle Chance auch für unbekannte Künstler, sich in offiziellen Räumen zu präsentieren, ohne horrende Gebühren zahlen zu müssen. Endlich mal ein Unternehmen, das sich der Kunstförderung verschreibt, es winken ja sogar ein Publikums- und ein Jurypreis in Form eines einjährigen Stipendiums in Höhe von monatlich 500 Euro und eine Einzelausstellung. Ein feiner Gedanke und für viele Künstler sicher eine Chance. Kapitalismus sucht Kunst. Deutsche Bank sucht Künstler. Der Anfang einer großen Liebe?

Leider nicht. Denn natürlich ist die Förderung von Kunst ein wichtiges Ziel. Aber Kunstförderung durch ein wirtschaftliches Unternehmen bleibt ein zweischneidiges Schwert – denn aus reiner Selbstlosigkeit geschieht das nie. Hier herrscht immer der Profitgedanke vor, dessen Abhängigkeitsstrukturen nur der durchbrechen kann, der kein Geld zum Leben braucht. Sie rufen nach „Laienkünstlern“, wollen aber „Meisterwerke“. Und wissen genau, dass die Chancen gut sind, dass sie die auch kriegen. Denn sie kennen die Not, die – besonders in Berlin – unter Kunstschaffenden herrscht. Kaum noch Gagen oder Honorare, nur wenige können von ihren Werken leben. Und dabei ist es fast egal, ob es sich um Bildende Künstler, Schauspieler, Fotografen, Musiker oder Schreiber handelt. Sie alle sitzen in derselben Flotte aus Rettungsbooten, die schon durchlöchert auf See geschickt wurde. Und nein, es ist keine Frage mangelnder Qualität, sondern mangelnder Wertschätzung.

Denn Aktionen wie diese der Deutschen Bank sind beispielhaft für den Umgang mit Kunst. Sie bedienen sich an Talent und Not, formulieren eine derart offene Ausschreibung, die hunderte hoffnungsvoller Seelen anzieht, nur um den größten Teil von ihnen enttäuscht und frustriert wieder nach Hause zu schicken. Lange Schlangen, stundenlanges Warten, ein Foto des ersten wartenden Künstlers bei Facebook, einen Tag vor Annahmebeginn, hochkochende Emotionen in der Berichterstattung – all‘ das lässt sich viel besser verkaufen, als eine fair durchdachte, vielleicht stillere, aber angemessenere Förderung von Kunst, die tatsächlich fördert statt fordert.

Diese Aktion hat „Dschungel-Camp“-Charakter und erinnert mich an Shows wie „Germany’s Next Topmodel“ oder „Bauer sucht Frau“. Träume sind so zerbrechlich, Träumende so anfällig. Vor allem dann, wenn sie ums Überleben kämpfen. Ich kenne so viele verdammt gute Kreative, die tagtäglich um ihre Miete oder einen vollen Bauch bangen. Wie schrieb eine Frau bei Facebook: „Was tut man sich nicht alles an. Ich will nicht, aber es zieht mich trotzdem hin…“

Zwischen Kunst und Gesellschaft läuft etwas gewaltig schief. Es fehlt an Respekt, es fehlt an Achtung und an der Einsicht, dass sich qualitativ hochwertige Kunst nicht zwischen Vollzeit-Büro-Job, Familie und Schönheitsschlaf einschieben lässt. Kunst hat ihren Preis. Aber den zahlt meist der Künstler. Denn der macht auch weiter, wenn er nur noch Löcher in den Schuhen hat und seine Pinsel in Regenwasser waschen muss. Der wahre Lohn für einen Künstler ist der Prozess des Schaffens, ist das Echo des Außen, der Applaus, die Anerkennung und das, was mit der eigenen Kunst geschieht, wenn sie auf andere(s) trifft. Nur kriegt man davon leider kein Zimmer warm und kein Brot auf den Tisch. Lohn ist eben nicht immer auch gleich Bezahlung.

Und genau das weiß auch die Deutsche Bank, stellvertretend für diesen parasitären Gedanken einer Gesellschaft, die konsumieren aber nicht zahlen will. Denn ich bin sicher, dass zahlreiche Stillleben und „tatsächlich“ laienhafte Hobby-Kunst keinen PR-Mehrwert gebracht hätten. Und wenn nicht allein, so doch vorrangig, geht es um diesen. Für mich hat es perfide Züge, wie sich hier in gönnerhaftes Gewand geschmissen und „Reise nach Jerusalem“ gespielt wird. Nicht die Qualität, ein Thema oder gezielte Kunstgruppen wurden in dem Aufruf der Deutschen Bank angesprochen. Nein, „alles, was sich hängen lässt“ wird angenommen, solange, „bis die Wände voll sind“. Und all das unter dem Credo „MACHT KUNST“. Es hätte kein bezeichnenderes Motto geben können, in dem eigentlich nur ein Gedankenstrich fehlt. Denn allein das verquere Machtverhältnis zwischen Geben und Nehmen gibt so einer Aktion erst Raum. Das ist Demütigung par excellence. Da wird der Künstler in der Schlange zu einer Live-Performance im PR-Zirkus.

Ja, ich weiß um die Gratwanderung all dieser Begrifflichkeiten wie „laienhaft“ und „tatsächlich“, aber ich möchte an dieser Stelle sicher nicht darüber diskutieren, wo Kunst anfängt oder aufhört, denn ich sehe mich nach wie vor nicht in der Lage, der Kunst einen Definitions-Rahmen zu stecken. Und jeder von denen, die dort standen, um sein Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren, wird seinen ganz persönlichen und persönlich guten Grund dafür gehabt haben, dort zu sein. Eine Aktion wie heute Morgen in der Charlottenstraße erinnert mich allerdings an die rationierte Essensausgabe während eines Krieges. Nur ohne Marken. Und mit dem kleinen Nebeneffekt, dass die meisten hungriger gehen, als sie gekommen sind.

Und wäre es nicht so schon schwer genug, von der Kunst zu leben, könnten wir alle es uns leisten so zu verfahren, wie es eine Userin bei Facebook formulierte: „Fraglich, wer da wem eine Plattform gibt. Kiss my ass, Deutsche Bank“.

Ergänzung:
Während ich das hier geschrieben habe, kündigt die Deutsche Bank an, weitere Ausstellungen folgen zu lassen und allen gleiche Chancen einzuräumen. Ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll, denn wer sagt, dass Bilder gehängt werden, bis kein Platz mehr ist, muss auch damit gerechnet haben, dass dieser tatsächlich voll werden könnte und Künstler, die stundenlang anstanden, weggeschickt werden müssen. Ansonsten lässt sich so ein „Schlusspunkt“ schwer definieren. Auch dies könnte einkalkulierter Gegenwind gewesen sein, um sich mit einer adäquaten Reaktion darauf zu rühmen. PR bleibt PR. Und der Kern meiner Aussage ändert sich nicht: Die gesellschaftliche Anerkennung von Kunstschaffenden muss größer werden – und damit ihre monetäre Unabhängigkeit. Denn Kunstförderung sollte gesellschaftliche Aufgabe sein – dann kann jeder selbst entscheiden, in welchem wirtschaftlichen PR-Theater er mitspielen will.

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Hexenverbrennung

Unter unbelaubten Ufern
Fern der Welten Licht
Lodert schmerzlich tiefes Feuer
Findet seinen Schöpfer nicht

Reicht der Hirten Ruf
Bis unter welkes Blätterdach
Kraftlos atmet weit gefächert
Eine Seele, zart und schwach

Unter tosendem Applaus wird
Das Findelkind ins Licht gerückt
Wird benannt und wird bewundert
Knospen werden jung gepflückt

Kehrt sie frei den Blick nach außen
Hofft sie auf des Echos Glück
Doch das Wort das sie versendet
Kehrt stets unversehrt zurück

Sie tanzt Polka unter Fremden
Leichten Schrittes ist sie dort
Zirkuliert wie eine Elfe
Fern der Heimat, fern dem Hort

Und zu blind gespielten Noten
Zahn um Zahn im Klang des Windes
Dreht die Formation im Kreise
Leise nur der Ruf des Kindes

Zwischen längst verstorbenen Zeilen
Steht in ewig Schwarz gesetzt:
Ohne Luft wirst du nicht atmen
Nur im Gleichschritt nicht verletzt

 

Anmerkung:
Dieses Fundstück lief mir heute über den Weg. Ich begann es im letzten Jahr in einer Zeit großer Wut und Verständnislosigkeit. Heute nun habe ich seine Lücken und Löcher gestopft. Hinaus mit dir, mein Kind. Schaffe Platz für Neues.

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Der Tag danach…

Aus meinem Rucksack schält sich ein verwaister Müsli-Riegel. Zeugnis der letzten Tage, in denen ich kaum zum Essen kam. Leicht zerbeult könnte er auch als ein Symbol meines Gesamt-Zustandes herhalten. Die rasante Serie dreier Tage Buchmesse fand gestern nun mein Ende. Die Beine schmerzend von den kilometerlangen Wegen, die ich täglich durch die langen Hallen des Leipziger Messegeländes wanderte – mit Schritten viel zu klein für meinen Wissensdurst, der sich raumgreifend all‘ der Antworten ermächtigen wollte, die ich ersehnte.

Große Unsicherheit hat mich nach Leipzig getrieben – nachdem sie mich zunächst fast davon abgehalten hatte, hinzufahren. Digitale Entwicklungen, die Möglichkeiten des Self-Publishing, die Frage nach der Qualitätssicherung in diesem Bereich und über allem immer die Frage nach der Zukunft des klassischen Print-Weges. Vor allem aber eines beschäftigt mich schon länger: Wer bin ich in einer Welt, die sich schneller entwickelt, als ich nach ihr greifen kann? Und welchen Weg kann ich einschlagen und dabei vor mir selbst bestehen?

Ich habe Antworten bekommen. Einige die ich suchte, andere, die ich nicht hören wollte. Und viel mehr. Einen besonderen Nachklang erzeugen noch immer die Menschen, die ich dort traf. Digital vertraute Namen, zu denen sich nun nicht nur ein Gesicht gesellt, sondern auch Worte und Stimmen – lehrreich, warm, scherzend: So wie von Sandra Uschtrin, die mich als eine der ersten Unterstützerinnen von Schreibenden seit Teenager-Tagen begleitet. Oder Wolfgang Tischer vom Literaturcafé, dessen Gesicht ich von seinem Twitter-Avatar nur halbseitig kannte – er hat einige wunderbare Vorträge für Autoren koordiniert, die hier bald als Podcast für alle zur Verfügung stehen werden, die nicht dabei sein konnten. Dass ich bei einem Vortrag am Donnerstag eine Zeitlang von einer dpa-Mitarbeiterin beobachtet und schließlich angesprochen und interviewt wurde, ist eine schöne Erinnerung. Auch, wenn meine bisherigen und ersten Erfahrungen mit der Presse ausnahmslos die sind, dass man selten so zitiert wird, wie man es wirklich gesagt hat. 🙂
Eineinhalb Stunden Privat-Audienz bei den Software-Entwicklern Ulli Ramps und seinem Sohn Hendrik halfen mir dabei, meine Übergangsschwierigkeiten von „Windows Word“ zu „Papyrus Autor“ zu bewältigen. Ich freue mich nun auf den Start mit diesem Programm, das ich seit einem Jahr besitze und das mit vielen trick- und hilfreichen Spielereien lockt. Nebenbei erfuhr ich noch, wem der Mund auf dem „Wörtliche-Rede-Icon“ gehört. Und dass das Ramps’sche Büro unweit meiner Wohnung liegt. Zwischen uns nur der Whisky-Laden in der Mainzer Straße.

Ich traf alte Bekannte vom Autoren-Bar-Camp im letzten Jahr, zum Beispiel Hilke Gesa-Bußmann und Tim Maicher, Karl Olsberg und Jannis Plastargias. Kontakte zu intensivieren ist ein gutes Gefühl – gerade, wenn die Schwierigkeiten der eigenen Arbeit sich ähneln. Das Echo meiner alltäglichen Hürden kommt nicht von allein. Ich muss es suchen – und finde es immer wieder auf Veranstaltungen wie diesen.

Ich hörte viele gute Vorträge. Ebenso viele schlechte. Und bekam auf meinen Wegen von einem Schauplatz zum anderen im Gedränge der Besucher unzählige Speere, Knüppel, Plüschohren, Schillerlocken und beeindruckende Brüste ins Gesicht. Die Cosplayer haben das Bild der Leipziger Buchmesse auch dieses Jahr wieder sehr bereichert.

Ja, ich wurde auch neckend verlacht, weil „Twitter ohne Smartphone kein Twitter“ sei. Und trotzdem habe ich es zum „Twittagessen“-Treffpunkt geschafft – einer Verabredung von Twitter-Usern zu einem ungezwungenen Mittagessen unter der weiten Glaskuppel im Zentrum der Messe. Zwar musste ich in altertümlicher Manier jemanden anrufen („Kannst du mal kurz in meinem Account nachschauen…“) – aber ich habe es gefunden. Ein smartphone-freies Leben ist mir diesen Umstand (noch) wert.

Am Freitagabend dann begann ich Bewunderung zu empfinden für Menschen, die nach einem Messetag erstens noch stehen und zweitens noch feiern können – um am nächsten Tag mit einer Handvoll Schlaf einen weiteren Messetag zu bestreiten. Diese Form der Leistungsfähigkeit habe ich nicht. Meine Energien verteilen sich anders. Dass ich körperlich halbwegs fit war, war aber spätestens am Samstag mein Glück. Im Rahmen von autoren@leipzig gab es dieses Jahr ein besonderes Highlight: Die Leipziger Autorenrunde – initiiert und umgesetzt von Leander Wattig und der Leipziger Buchmesse. Ein Raum, zehn Tische, über hundert TeilnehmerInnen und Input, Input, Input. Drei Zeitblöcke mit jeweils zwei aufeinander folgenden Gesprächsrunden, die Themen vielfältig – genau wie Dozierende und Anwesende. Ich fühlte mich angeregt, aufgeregt und beruhigt und versank immer wieder in stiller Nachdenklichkeit.
Vielleicht waren das die Momente, in denen ich mich erholte von der schwierigen Akustik. An den runden Tischen fanden kaum zehn Leute Platz und wer nur noch einen Stuhl in der zweiten Reihe bekam, hatte oft Mühe, Referenten und TeilnehmerInnen zu verstehen – zu angestrengt musste man sich vorbeugen, zu viel Konzentration darauf verwenden, die Stimmen der umgebenden Tische auszublenden. Mit schweren Augenlidern hätte ich das nicht geschafft.
Die Gespräche, die zwischen den Sessions, Tee, Suppe und Kaffee ihre Anfänge fanden, blieben oft unvollendet. Ob bedauerlich oder Grund für eine Fortsetzung auch über die Buchmesse hinaus, wird sich noch herausstellen. Vielleicht ist beim nächsten Mal auch die Happy Hour länger – eine abschließende Gelegenheit, Gesprächen in diesem Rahmen wirklich Raum einzuräumen. Trotz knapper Zeitbemessung ziehe ich dieses Format der Zusammenkunft dem der Bar-Camps im letzten Jahr vor: Es war intimer, weniger zerstückelt und bot mehr Raum für spontanen Austausch. Eine rasante Autorenrunde, liebevoll organisiert, mit einer tollen Atmosphäre und schrecklich plörrigem Kaffee, der nicht ansatzweise kompromissfähig war. 🙄 Aber ein Lächeln trugen am Ende fast alle auf den Lippen. Wunderbar, dass AutorInnen dieser Raum geboten wird. Vielen Dank!

Die letzten Stunden meines Messeaufenthalts waren mir – wie schon beim letzten und vorletzten Mal – ein besonderes Geschenk. Ein Tanz mit der stillen Seite der Messe, wenn die Besucher zurück in ihre Welt geströmt sind und die Halle wie mit einem schweren Seufzer auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Lange und leere Gänge, einsames Neonlicht und vereinzelt Grüppchen von Literaturmenschen, die sich an Verlagsständen mit dem (ersten) Sekt des Abends versammelt haben – geduldet von der Security, aber ermahnt zum baldigen Aufbruch.

Die geselligen Worte der kleinen Gruppen scheinen schwach und ohne Wirkung in dem Ausmaß an freiem Raum, der über ihren Köpfen und hinter den umgebenden Ständen lauert. Hier und da eine eifrige Reinigungskraft, eine verlorene Seele, ein erschöpfter Messeangestellter. Bücher zum Greifen nah. Frei und ohne Aufsicht. Staubsauger brummen. Ein Quadratmeter saugen kostet die Aussteller 50 Cent. Die unsichtbaren Seiten eines Großevents.

Sie werden genauso nachwirken, wie die sichtbaren.

 

 

 

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Musische Momente

Im Nachhinein fällt es mir schwer mir vorzustellen, dass ausgerechnet er die Muse gewesen sein soll. Und betrachte ich es aus rationalen Augen, erscheint mir diese Bezeichnung auch absurd, übertrieben, ja fast schon hysterisch. Aber genau das machte die Begegnung so kennzeichnend für diesen Morgen: Stumme Hysterie als exzellenter Ausbruch aus einer Wirklichkeit, die einfach nicht wollte.

Denn als es an diesem späten Morgen an meiner Wohnungstür klingelte, hatte ich lange Stunden hinter mir. Ich hatte zweieinhalb Stunden gebraucht, um mich von der Nacht zu lösen und auch nur die Ahnung von Leben in meinen Körper zu bringen, durch den das Blut in zähem Fluss dahinkroch, als flösse es nurmehr bergauf. Es war einer dieser Tage, an denen sich Philosophie in Alltäglichkeit manifestiert und den Menschen an den Rand eines weltlichen Horizonts treibt, wo er zwingend scheitern muss: Heute Haare waschen oder morgen? Müsli oder Brötchen? Erst putzen, dann arbeiten? Unter Menschen gehen? Oder gerade nicht? Und überhaupt: Nackt oder angezogen? Menschlichkeit, deren Komplexität sich in schmerzlicher Fehlbarkeit zeigt, immer dann, wenn sich die Bewusstseinsebenen des Seins nicht in Einklang bringen lassen mit dem unmittelbaren Handeln.

Ich hatte mich auf die Küchenbank gelegt, resigniert den Blick an die Decke gerichtet, in der Magengrube ein stummer Schrei, der seine Intention nicht offenbarte. Hunger oder Ratlosigkeit? Warum nur können die unterschiedlichsten Dinge so ähnlich schmecken… Vor meinem Auge zog bereits der Tag vorbei, gefüllt mit inhaltsleeren Stunden, von denen jede einzelne einen unauslöschlich bitteren Beigeschmack in meiner Seele hinterlassen würde. Irreparabel wie gewellte Haut nach einer Verbrennung.

Es sind solche Momente meines Alltags, die mich zweifeln lassen wollen an dem, was ich tue und was ich bin. Momente der Prüfung, die ich noch alle überlebt habe. Wertvolle Momente, sicher. Aber immer verhasste Momente. Mein Vorteil ist dann stets, dass die Tatsache, schreiben zu wollen vielmehr ein sanftes, aber beharrliches Müssen ist. Ein innerer Drang, der seine Quelle in der Unendlichkeit des Lebens findet – endlos wiederkehrend, nicht versiegend. Und wenn es in meinem Leben nichts mehr gab und nichts mehr ging, wenn ich mich hilflos und einsam, hoffnungslos oder verzweifelt fühlte – gab es immer noch das Schreiben. Nicht als Therapie oder als Befreiung, sondern als Option, als Rahmen meiner Lebenswelt, der alles irgendwie zusammenhielt – wenn auch manchmal nur notdürftig. Und nur deshalb halte ich Momente wie den an jenem Morgen auf der Küchenbank aus. Weil es vielleicht die einzige Frage ist, die niemals eine Antwort brauchen wird: Schreiben oder nicht?

Es war das subtile Eiern in der Klangfarbe meiner Wohnungsklingel, das mich aus meiner hungernden Ratlosigkeit riss. Da ich so gut wie nie unangemeldet Besuch bekomme, gab es eigentlich nur drei Möglichkeiten: Die einsame Nachbarin auf der Suche nach einem Gespräch, der tragikomische Hausmeister mit einer Ladung Ärger im Bauch oder eines der vielen Subunternehmen der Post, die in royaler Attitüde ihr Untertanen mit Füßen tritt und überlastete Stellvertreter in die Lande sendet. Wie auch immer: Ein Paket erwartete ich nicht, die Geschichten des Hausmeisters wollte ich nicht hören und denen der Nachbarin würde ich nicht ausweichen können: Die horrende Anzahl an Erlebnissen, die all‘ ihre Blicke prägt, lässt mich nie kalt.

Als es ein zweites Mal klingelte, setzte die Paranoia ein. Nur unwesentlich später wie automatisiert das Herzklopfen. Zu Zeiten des Studiums bin ich in solchen Situationen geschwind unter dem Schreibtisch verschwunden. Dort machte das auch Sinn, denn ich habe im Hochparterre gewohnt, wo man Spuren seiner Existenz verwischen sollte, wenn man ungestört sein will. Aber hier in der Küche meiner Berliner Etagenwohnung sah ich mich lediglich der Absurdität meines Verhaltens gegenüber: Ich war aufgesprungen und gegen den Stuhl gestoßen, der mit einem Rums hintenüber kippte und alle Pläne zwischen „Nicht da“ und „Nie geboren“ zunichte machte. Letzten Endes sind wir doch alle nur Pawlow’sche Hunde. Ich fluchte leise, wissend: Wer sich verraten hat, tut gut daran, die Maske fallen zu lassen.

Nein, er sah wahrlich nicht aus wie eine Muse. Kein Adonis mit feurigem Blick und begehrenden Händen stand mir gegenüber und auch kein schmächtiger Jüngling, mit glockenheller Stimme, einem Zweig im Haar und zu inspirierenden Einflüsterungen bereit. Seine Lippen waren schmal, der Kopf leicht quadratisch und an seinen Schläfen klebte das spärliche Haar vom Schweiß seiner Arbeit. Müde Treue lag in seinem Blick und seine gesamte Körperhaltung zeugte von stoischem Willen und der Notwendigkeit, mit diesem Job sein Brot zu verdienen.

Ob ich das Päckchen für die Nachbarn gegenüber annehmen würde. Alles was er nur wolle, sagte ich überschwänglich und die leichte Irritation in seiner Routine mag schmutzigen Phantasien aus einer Welt nach Feierabend geschuldet sein. Ich hätte ihm gern den Gefallen getan und ihn an seinem Brusthaar in das Innere meiner Wohnung gezogen. Carpe Momentum – keine Zeit für Widerstand. Aber weder hatte er Brusthaar, noch hätte es auch nur annähernd authentisch gewirkt.

Als ich die Tür geschlossen hatte, lauschte ich noch eine Weile den leiser werdenden Schritten im Treppenhaus. Ich genoss das zeitliche Hinauszögern dieses Moments, denn ich wusste: Wenn ich mich gleich wieder mir selbst zuwenden würde, wäre ich nicht mehr die, die noch eben mit Lethargie und innerer Lähmung gekämpft hatte, suchend nach einem Antrieb für meine Arbeit. In wenigen Minuten schon würde ich am Schreibtisch sitzen, vertieft in Worte und Zeilen, im Fluss mit den Erzählungen und vor den weit geöffneten Toren einer inneren Welt.

Ich weiß bis heute nicht, wer sie geöffnet hat. Ob es das Klingeln oder das Klopfen war, die Paranoia oder das Herzrasen, der Stuhl oder der Paketbote, Rat- oder Rastlosigkeit. Der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt oder ein kippender Sack Reis in China? Vielleicht war es die Fähigkeit der Selbstbeobachtung während des Handelns oder die „Rückenlage“ auf der Küchenbank. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Inspiration ist immer da – in jedem Atemzug, den wir tun. In jedem Moment, in dem wir sind. In uns und um uns. Es braucht lediglich einen Boten, der ihre Botschaft überbringt – die Muse. So gesehen, einer der ehrbarsten Jobs der Welt. Aber nur so gesehen, denn wenn… doch dazu ein andermal mehr.

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