Orte wie dieser

Um mich herum ist es dunkel. Nur am Ende des Raumes zeichnet sich das dunkelblaue Rechteck des Himmels im Rahmen des Fensters ab. Es ist eisig draußen und doch habe ich das Fenster einen Spalt geöffnet und die kalte Luft zieht herein und kühlt meine Nasenspitze. Zu lange habe ich es nicht gehört, als dass ich jetzt, in meiner ersten Nacht, darauf verzichten könnte – das Rauschen des Atlantiks, dessen Brandung ungebändigt an der Insel zerrt. In den vergangenen Wochen haben Stürme aus Island und England große Wellen an die französische Atlantikküste getrieben. Die Südspitze hat mehrere Meter gelassen, ganze Waldteile in Maumusson wurden überschwemmt, Teile, die in anderen Jahren unter wochenlanger Trockenheit zerstarben – Dürre, die für enorme Waldbrandgefahr sorgte.

Kaum zwei Stunden ist es her, dass wir auf die Brücke fuhren, die sich blau beleuchtet durch das Dunkel der Nacht vom Festland zur Insel schlängelt, über den wattigen Grund des Atlantiks, der sich zur Ebbezeit zurückgezogen hat, bis zum unteren, östlichen Teil der Insel. Es war weit nach Mitternacht, mein Begleiter schlief seit eineinhalb Stunden, den Kopf in den Nacken gekippt, den Mund weit geöffnet, unfähig, mir noch beizustehen auf unserem Weg durch die Nacht. Jedes Mal sind es die letzten zweihundert Kilometer, die uns den Verstand rauben. „Ich habe schon wieder vergessen, wie schrecklich dieses letzte Stück ist“, sagte er, bevor er in einen seichten Schlaf glitt. Ja, es gab Jahre, da haben wir uns nach fast dreizehn Stunden Autofahrt auf den letzten Metern alle zwanzig Minuten mit dem Fahren abgewechselt, ankämpfend gegen den übermächtigen Schlaf, der sich unserer Körper mehr und mehr bemächtigte, bis er auch die letzten Fingerspitzen gelähmt hatte. In einem Jahr mussten wir kurz vor dem Ziel am Rand der Landstraße ein Stündchen schlafen. Zusammengesackt hatten wir zwischen dem leergegessenen Proviantkorb gesessen, den Wasserflaschen, Papp-Packungen und Haushaltstüchern mit Apfelkernen und Bananenschalen, auf dem Schoß die leblosen Hüllen unserer Schlafhörnchen, aus denen die Luft gewichen war, das Kinn auf der Brust, die Beine angewinkelt. Der Weg ins Paradies ist weit.

In diesem Jahr war es anders. Als die Wachsamkeit meinen Begleiter verließ, übernahm ich das Steuer. Ich schob den Fahrersitz nach vorn, stellte die Spiegel ein und löschte die Deckenbeleuchtung. Nur das Display und ich, die Kegel der Scheinwerfer, die sich durch die Dunkelheit schoben, zielgerichtet das Dunkel teilten und mir die Weite leerer, französischer Straßen offenbarten. Etwas hielt mich wach, ein unerbittlicher Sog trieb mich über die A10 bis zur Ausfahrt 35 – Ile d’Oléron. Ich stellte das Radio an und Chérie FM, Nostalgie und Alouette wechselten sich dabei ab, den kleinen Raum, der für diese Minuten meine Welt war, mit Liedern zu füllen. Ich sang laut mit. Wir fuhren durch französische Dörfer, die wie ausgestorben waren. Graue Fassaden, an denen der Ruß der durchfahrenden Autos haftete, die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Malven, die uns sonst zur Begrüßung winken, sind noch nicht gewachsen. Es ist Februar.

Als ich auf die Brücke fuhr, stieß ich einen kleinen Freudenschrei aus. Mein Beifahrer schlief weiter. „Hmm“, sagt er. Aber ich plapperte munter vor mich hin, öffnete die beiden vorderen Fenster und sog begierig die frische Meeresluft ein. Es tat gut, so gut, wieder zu Hause zu sein. Ich werde zum Meer fahren, sagte ich mir. Jetzt. Fahre ich über Vertbois und schnuppere noch ein wenig an den Pinien und Kiefern oder wähle ich den altvertrauten Weg über Dolus, die lange, vertraute Strandstraße hinunter bis Rémigeasse?
„Ist es schlimm, wenn ich schnell noch ans Meer fahre?“, fragte ich laut.
„Warum fragst du mich überhaupt“, murmelte er. „Du tust es doch sowieso.“ Seine Stimme war liebevoll tadelnd, ich hörte ihn im Dunkeln lächeln und hatte keine Antwort.

Es ist jedes Mal ein magischer Moment, wenn nach all‘ den Kilometern, dem Vorantasten von Mautstation zu Mautstation, schließlich der Motor erlischt und sich vor uns die Imposanz des atlantischen Ozeans auftut und sein Getose durch die geschlossenen Türen bis in unsere müden Ohren dringt. Spätestens dann ist auch der erschöpfteste Begleiter wieder wach. Wir stiegen aus und tauchten ein in die Magie der Insel. Das Meer war schwarz, wild und unruhig. Hin und wieder blitzte eine Schaumkrone im Dunkeln auf, die weißen Kalksteine zeichneten die Begrenzung der Insel, das Salzwasser leckte an seinen Rändern.

Es fällt mir immer schwer, mich von diesem Moment des Ankommens loszureißen. Wenn ich dort an der Küste stehe, das vertraute Meer vor mir, meine Gedanken bis nach New York erweiternd, dann tut sich in meinem Inneren die Gesamtheit meiner Jahre hier auf. Reihe ich meine Zeit hier aneinander, so gehören dieser Insel fast vier Jahre meines Lebens – Jahre, die zu den glücklichsten und prägendsten in meinem kurzen Leben gehören. Jahre, in denen ich das Leben gelernt habe, wie zu keiner anderen Zeit. Nirgends auf dieser Welt fühle ich mich so geborgen, sicher und zu Hause, wie hier. Nirgends bin ich mir selbst näher, nirgends unbesiegbarer. Die Vorstellung, diese Quelle der Kraft eines Tages zu verlieren, gleicht der Überlegung, sich selbst die Wurzeln zu kappen und mit verstümmelten Beinen durch eine ungewisse Zukunft zu humpeln.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal hier war. Jedes Jahr, in dem ich mich nicht in unser schwarz-rotes Gästebuch eintragen konnte, erscheint mir wie ein kleiner schwarzer Fleck in meiner Biografie. Bisher sind es nur zwei Jahre – 2008 und 2013. 2008 fehlte die Kraft, 2013 die Begleitung. In beiden Jahren packte mich kurz vor Silvester die fixe Idee, schnell noch auf die Insel zu fahren, mit der Hand die kalkigen Mauern zu begrüßen, den modrigen Geruch der Eingangshalle einzuatmen, einen Pineau auf den schwarzen Steinen am Meer zu trinken, das neue Jahr zu begrüßen und wieder abzureisen. Natürlich nicht, ohne vorher jede Tür im Haus einmal zu öffnen, durch jeden Raum zu gehen, jeden Fenstergriff einmal zu berühren, in den großen, gelben Schrank zu schauen, dessen Schiebetüren dem Donnergrollen am Horizont gleichen und zum Ende des Gartens zu gehen, mich umzudrehen und voll ungläubiger Freude auf das große Haus mit den Kassettenfenstern zu schauen. Je länger ich dann stehenbleibe und schaue, umso präsenter werden die Jahre, die an diesem Ort ihre Spuren hinterlassen haben. Ich sehe meinen Bruder und mich, wie wir als Kinder die Schätze eines Strandtages auf den Mauern neben dem Steintisch ausbreiteten und an unsere geduldige Familie verkauften. 5 Centimes kostete eine Schnecke, eine farbige Muschel sogar 10. In mühevoller Kleinarbeit bastelten wir Preisschilder und priesen lauthals unsere Ware an. Ich sehe meine geliebte Großmutter mit ausgeblichenem Strohhut auf den Knien durch den Garten rutschen und zu ihren Blumen sprechen, Unkraut jäten und die Langsamkeit zelebrieren. Gehe ich näher und schaue durch das Fenster in der Tür, sehe ich uns in Teenagerjahren, meine Mutter, Tante, Cousin, Freunde – eine große Gruppe bunt durcheinander gewürfelter Menschen. Ich höre dumpf ihr fröhliches Gelächter, heiße Diskussionen, Streitereien. Sie spielen, essen, lauschen im Radio den Wahlen in Deutschland oder lesen. Sie sind sorglos, sind beieinander, miteinander, arrangieren sich. Leben.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Gruppen sind kleiner geworden, die Menschen individueller. Die Zeiten sind nicht weniger glücklich. Aber leiser. Meine Großmutter lebt nicht mehr, aber ihr Geist schwebt weiter durch das Haus. Und in diesen Tagen habe ich manchmal das Gefühl, dass sie kritisch die Lippen schürzt.

Erst früh am Morgen, als bereits ein schmaler Streifen Helligkeit über der Insel aufsteigt, schäle ich mich aus meinem warmen Kokon, den ich mir aus Wolldecken gebaut habe, und schließe das Fenster. Die Luft im Raum ist eisig, meine Glieder sind steifgefroren. Ich spüre meine Nasenspitze nicht mehr, aber ich bin glücklich. Draußen regnet und stürmt es. Die Fensterläden klappern und die Unruhe durchströmt meinen Körper. Hoffnungsvoll suche ich den Himmel nach Blitzen ab, aber das Grau hängt bewegungslos am Himmel. Zu viel Regen über dem Paradies.

 

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6 Responses to Orte wie dieser

  1. Dagmar says:

    Liebe Eva,

    ein – Dein – Leben zieht an mir vorbei, jeder Moment, den ich mit Dir an diesem Ort verbracht habe, und eine Ahnung von all den Momenten, die nur Du selbst erlebt hast. Du lerntest das Haus kennen, bevor Du noch auf der Welt warst, hörtest das Rauschen des Ozeans und erlebtest unsere unendliche Freude darüber, diesen Ort gefunden zu haben, das Paradies, das Mormor uns schenkte und das uns bis heute begleitet hat. Ich schließe die Augen und bin dort … immer …

    Ma

  2. Nad. says:

    Liebste Eva, wie liebevoll und plastisch du diesen Ort beschreibst…
    Eines Tages möchte ich mit dir fahren.Ich suche einen Ort zum Schreiben.Ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr, um mehr als ein halbes Jahrhundert Leben aufs Papier zu bringen.
    Fast klingt dein Ort nach meinem. Lass mich einmal mit dir fahren. Wenn du magst. Es klingt nach ANKOMMEN und Stille…Wie schön.
    Eine wunderbare Liebeserklärung an deine Heimat, Respekt für deine Wurzeln.
    Das ist so wichtig, du musst vor Kraft bersten. Jetzt bin ich neidisch.Aufrichtig!
    Sei umschlungen.
    Nad.

  3. anonym says:

    Liebe Eva,

    ab und an schaue ich in deinen Blog hinein, lächele, erinnere und erfreue mich an deinen Worten.

    Es ist, wie es das immer war, zu jedem Anfang. Eine Begegnung exponentiellen Ausmaßes. Deine Worte und ihre in Leidenschaft getränkten Inhalte. Vielleicht ist es meine Feinsinnigkeit. Vielleicht deine Sanftmütigkeit. Vielleicht deren Synthese.

    Ein traumhafter Ort von und aus dem du da schreibst und den du dort fühlst. – Mich sanftmütig erfassende und zum Mitfühlen erweckende emotionale Verflechtungen mit seiner Geschichte, den Elementen, dem baulichen Werk, den Menschen und ihren Beziehungen. – Mit gleichzeitiger Toleranz und Akzeptanz derer Vergänglichkeit. – Gleichwohl der Ausspruch einer Hommage an Vergangenes und Geschehens „(…) das Grau hängt bewegungslos am Himmel. Zuviel Regen über dem Paradies.“
    Ich wünsche dir, von ganzem Herzen. Es ist eine sanftmütige und schwerelose Hommage mit Anlehnung an den gegenwärtigen Raum und die lebendige Zeit

    und bedanke mich, wie es das immer war, für diese zwar kurze aber exponentielle Reise.

  4. Andrea says:

    Wie schön ist es, Gefühle derart plastisch in Worte fassen zu können. Du bist eine Fotografin des Momentes, Du meißelst Situations-Monumente mit Worten.
    Denn genau so ist er dieser Ort, das Ankommen und das Dort/Hier-sein…
    Bis bald liebe Eva !!

  5. Orlando says:

    liebe eva,

    mir fällt mit zunehmendem alter das lesen immer schwerer. nicht, weil ich schlecht sehe oder geistig nicht in der lage wäre, sondern weil meine faulheit zunimmt.
    doch dieses mal habe ich bis zum ende durchgehalten, jedes wort geniessend in mich aufgesogen.
    du hast, liebe eva, einen wundervollen geist, anmutige gedanken und eine aussdrucksstarke, gestalterische sprache, die mich faszinieren.
    in zukunft will ich mehr davon haben und meine altersbedingte faulheit hintenan stellen.
    dankend umarme ich dich aus der ferne.

    dein freund
    orlando

  6. Marianne says:

    oh Evchen, ist das ein schöner Text!
    Ich schicke mal Jonni einen Link.

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