Leseprobe


„Die Seiltänzerin“ (AT)

Zuhause erwartet sie die lange Weite eines Altbauflurs. Es gibt Tage, da muss sie ihre Wohnung erst neu kennenlernen, betritt den Wohnungsflur und stellt ihre Tasche mit der respektvollen Langsamkeit einer Besucherin neben sich ab, den Blick nicht gelöst von Länge und Höhe eines Ganges, an dessen Ende ein matter Lichtschein von links einfällt. Der Grundriss der Wohnung ist kreuzförmig und vielleicht war es diese symbolische Nähe zum Tod, die damals in ihr den unbändigen Wunsch erweckte, genau hier das Leben zu versuchen. Die Ahnung von Religiosität in einem ungläubigen Leben, dieser beständige Lichtschein am Ende einer unumstößlichen Dunkelheit.

Das Knacken der Dielen trägt sie bis zum Ende des Flurs. Sie verharrt an der Schwelle. Es ist die Stille, die sie bremst. Das Zimmer gleicht dem Standbild eines Lebens. Das Bett auf Bambushölzern in leidenschaftlicher Schlaflosigkeit zerwühlt, über dem Boden verteilte Kleider, die in eilender Bewegung ihren Platz fanden und dort nun beinahe zeitlos zwischen aufgeschlagenen Büchern verharren. Wartend auf die Rückkehr ihrer Besitzerin. Beginnend neben der Tür, schreiben Fotos an tapetenlosen Wänden die Spur eines bewegten Lebens nieder. Der Holzschrank biegt sich unter der Last seiner Jahre, eine Sonnenblume aus Plastik hat den Kopf gegen die Scheibe gedrückt, über ihr schwebt ein blauer Kolibri aus Glas. Ein leichter Vanilleduft verbreitet die Ahnung von süßer Sorglosigkeit. Das Zimmer ist spartanisch eingerichtet, ohne Farben. Es lässt Raum für Geist und Bewegung seiner Bewohner, lädt ein zu verweilen. Sie dreht sich um und biegt nach links ab. Ihr eigenes Zimmer gleicht einem nie vollendeten Kunstwerk. Linientreu zieht sich Perfektion durch die Einrichtung, rechte Winkel, wohin man blickt, klare Linien, Durchblick, durchdachte Anordnung der Möbel. Sie besitzt nicht viele Sachen.

Unter der Glasplatte ihres Schreibtisches entdeckt sie Caruso. Er blickt hoch und über seinen großen Augen eilen die grauen Haare seiner Augenbrauen hin und her, als er schuldbewusst ihrem Blick ausweicht. Sie hockt sich auf den Boden neben ihn und greift in sein Fell. Es ist stumpf und leicht feucht. Vier Tage hat sie auf ihn gewartet. Manchmal saß sie stundenlang am Ende des Flurs auf dem Boden, die Hände um eine wärmende Tasse mit Kakao geschlossen, und hat sich gefragt, ob er überhaupt wiederkommt. Dabei hatte sie die kleine Klappe in ihrer Wohnungstür beobachtet, das scheppernde Geräusch von Plastik schon im Anschlag ihres Ohres. Zwei Jahre ist es her, dass Caruso bei ihnen eingezogen ist. Rebecka, ihre damalige Mitbewohnerin, die Tiere nur auf ihrem Teller mochte, hatte damals den kleinen struppigen Hundekopf in der Katzenklappe entdeckt und sich zu Tode erschrocken, und ihr gellender Schrei schien in Carusos Ohren wie eine Einladung zu klingen, seinen abgemagerten Körper noch ein Stückchen weiter durch das enge Quadrat zu schieben. Er war geblieben, Rebecka gegangen.

Sie hatte ihn Caruso getauft, weil er nicht bellt, sondern langgezogene Töne von sich gibt, wie ein Opernsänger. Er ist treu, aber frei. Bleibt er mal etwas länger bei ihr, wird er ihr sehr vertraut und sie fühlt sich fast versucht, ihn liebevoll „Enrico“ zu nennen. Aber meist verschwindet er rechtzeitig wieder und erspart ihnen beiden diese intime Last.

Dieser Roman, an dem ich derzeit schreibe, trägt den Arbeitstitel „Die Seiltänzerin“. Genau wie sein Vorgänger ist auch er ein Entwicklungsroman. Es geht um das Thema „Krankheit und Gesellschaft“ und situiert sich in dem Grenzgebiet zwischen der Norm einer scheinbar (!) gesunden Gesellschaft und dem Wunsch eines Kranken sich in ihr authentisch positionieren zu können (und zu dürfen). Der fließende Übergang von gesund zu krank und umgekehrt ist dabei das Schlachtfeld der Konflikte. Charakteristisch für den Roman ist, dass ich ihn lokal angesiedelt habe. Ich verwende Friedrichshainer Orte, die es tatsächlich gibt – was das Arbeiten manchmal sehr surreal macht, weil ich das Gefühl habe, „live“ dabei zu sein.

 

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2 Responses to Leseprobe

  1. Nad. says:

    Ich möchte sofort weiterlesen.
    Fühle mich sehr wohl so nah an der Person.
    Ich sehe und rieche die Wohnung.
    Nach der viel zu kurzen Leseprobe schimmert schon verschwommen
    und in diffusem Licht eine Frauengestalt die sich mitteilen möchte.
    Unsicher, scheu, mit einem leisen Summen im Haar…
    Ich werde auf sie warten! Mach nicht zu lange, sonst verlieren wir die Geduld!
    🙂

    • Eva says:

      Ach, ich danke dir, Nad! Vor allem dieses so greifbare Feedback ist total wichtig und gut. Schön, wie du es beschreibst und empfindest. Ich eile, meine Liebe, ich eile!

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