Es gibt kein Ende – nur Anfänge…

Wie viel Chamäleon verträgt mein Leben?, fragte ich vor einiger Zeit. Ich weiß es jetzt.

Fast zwölf Wochen sind seit dem letzten Eintrag vergangen. Das sind gute drei Monate, ein viertel Jahr. Für mich jedoch fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Wie die Brücke der Orientierung zwischen zwei Leben.

Ich öffne meinen Blog und fühle mich, als stünde ich in einem Zimmer, das mir vertraut und fremd zugleich ist. Ich sehe bekannte Gegenstände – oder eben Texte. Einige schön, andere traurig, fragend, tragisch, anklagend, voller Lust auf Leben und Liebe, sehe Zusammenhänge und Lücken, Fragen ohne Antworten und Antworten ohne Fragen. Ja, zweifelsfrei, das ist mein Zimmer, das ist mein Blog. Ich habe es irgendwann in der Vergangenheit verlassen. Aber es ist jemand anders, der dorthin zurückkehrt.

Seit ich denken kann, habe ich davon geträumt, vom Schreiben leben zu können. Nach dem Studium stand ich vor der Wahl, die für mich nie eine war: Mich in der Wirtschaft verheizen zu lassen oder meine gesamte Zeit dem zu widmen, was ich immer wollte und nur nebenbei machen konnte: Schreiben. Ich habe viel Zuspruch erhalten, eine Förderung vom Arbeitsamt bekommen, viel Glück aber eben auch Verbissenheit gehabt. Und ich habe es geschafft. Ich habe die letzten Jahre allein vom Schreiben gelebt. Nicht von Romanen oder Geschichten, aber von Text. Und diese Erfahrung war verdammt wichtig. Zu erkennen, dass ich nicht in einer Seifenblase lebe, hinter deren schillernder Wand die Welt schöner und lebbarer erscheint, als sie tatsächlich ist – das hat mich noch stärker gemacht. Eine Vorstellung zur Realität werden zu lassen – das war wie die Vereinigung zweier Seelen, die stets getrennt waren.

Es war eine schöne Zeit. Und sie steuert auf ihr Ende zu.
Ich will nicht mehr für Geld schreiben – schreiben müssen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vergiftet mich. Der ewig wirkende Kapitalismus findet dich eben auch in deinem Kämmerlein. Da kannst du dich noch so minimieren in Konsum und Bedürfnis. Er lupft die zugezogenen Vorhänge, triumphiert, rennt ums Haus, reißt die Tür auf, setzt sich neben dich, trinkt deinen Whisky, bringt deine Loseblattsammlung durcheinander, quatscht dir rein, streut Zweifel … kurz gesagt: Er macht dir das Leben zur Hölle.

Vier Romane habe ich in den letzten drei Jahren begonnen, keinen davon zu Ende gebracht. Die Muse ist ein launiges Miststück. Sie duldet keine Götter neben sich. Und der Kapitalismus mit seinen verbissenen Honorarverhandlungen, seinen gebrochenen Versprechungen, seiner menschlichen Berechnung und der Konkurrenz am Markt ist ihr zuwider. Und ich habe ihr nichts entgegenzusetzen. Es ist auch nicht meine Welt. Und nicht, weil ich zu feige bin, dort zu sein, sondern weil ich dort nicht sein will. Und es auch nicht muss, um zu überleben. Und wer mir das Gegenteil einreden und mich mit Argumenten einer tötenden Vernunft erschlagen will, hat entweder fünf hungrige Mäuler zu ernähren, ist von Ängsten durchsetzt oder aber höriger Sklave eines Systems, mit dem ich mich zwar arrangieren, aber von dem ich mich nicht verschlucken lassen werde.

Dass eine Lebensspanne vorbeigeht, ist mir in den letzten Wochen klar geworden, als der Sommer nach mir griff. Keiner Einladung bin ich lieber gefolgt. Ich habe mich vom Leben verschlucken lassen. Wochenlang habe ich keine einzige Zeile geschrieben – weder für Geld, noch aus Leidenschaft. Ich bin eingetaucht ins Leben, in die Wellen des Ozeans, habe der Leidenschaft für das Surfen Raum gegeben, an unserem Haus in Frankreich gewerkelt, gelacht, gelebt, geliebt, von den süßen Früchten des Lebens gekostet, … und Zeit? Zeit war nur ein Gebilde von der Länge eines Atemzugs.

Nein, so habe ich keinen Spaß mehr am Schreiben. Ich bin verbraucht. Und ich bin kompromisslos genug, um zu sagen: Diesen Preis zahle ich nicht. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich weiß nur eines: so nicht. Ach, und noch eines weiß ich: Ich brenne in Vorfreude auf das, was da kommen mag! Es geht mir gut. Weil ich für das einstehe, was ich liebe und immer lieben werde: das Schreiben aus Leidenschaft.

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