Die Stille nach dem Sturm

Das Fenster stand sperrangelweit offen, als der Sturm meine Welt erreichte. Ohne abzubremsen, fuhr der Wind hinein, und jagte durch die Stockwerke. Zuerst den langen Flur entlang, wobei er die Garderobe mit sich riss und die Bücher aus den Regalen fegte. Dann tobte er die hölzerne Treppe hinauf; fast geräuschlos möchte ich meinen, denn ich vernahm kein Knarren und kein Knarzen. Er drang ins Schlafzimmer, drehte eine Pirouette im Bad und bemächtigte sich im Arbeitszimmer der Loseblattsammlung. Seine kalte Hand öffnete alle Schubladen und Schränke, riss die die Türen zu den Zimmern aus den Angeln und pustete seine Botschaft in die hintersten Winkel. Er riss die Bilder von den Wänden und warf liebgewonnenes Interieur um.

Ich hielt stand, schloss die Augen, während mir die Strähnen meiner Haare in die Augen peitschten und die Heftigkeit des Windes an den Konturen meines Körpers zerrte. Es wird vorbeigehen, dachte ich. Ich werde die Augen öffnen und es wird sich zeigen, dass es nur ein kleiner Westwind war, der sich in fremdes, nordisches Gewand gehüllt hat, um sich einmal groß zu fühlen. Ich werde die Augen öffnen, schnell die Fenster schließen und denken: Puh, nochmal gut gegangen. Und vielleicht werde ich sogar lächeln über diesen kleinen Schabernack. Er hat es ja nicht bös‘ gemeint.

Doch aus dem Pfeifen wurde ein Heulen und ich begann, Schmerzen in den Eingeweiden zu spüren. Ich hielt mir zuerst die Ohren zu, dann kniff ich die Augenlider zusammen. Schließlich drängte ich in den Keller, wo ich mich in eine Ecke kauerte, während über mir der Sturm tobte und die Dinge ihren vertrauten Orten entriss und neu platzierte.

Nein, dieser Sturm kannte keine Himmelsrichtung. Seine Raserei war südlich gefärbt, die kühle, unbarmherzige Handschrift trug nordische Züge, er sang Klagelieder aus dem Osten und strebte sehnsuchtsvoll nach Westen. Und es gab Momente, da wünschte ich mir, er würde einfach alles mitnehmen – auf dass ich den ersten Stein des Fundamentes noch einmal neu setzen könnte. Aber er ging. Irgendwann ging er einfach, huschte hinaus, beinahe unbemerkt, da ich die Hände fest auf die Ohren gepresst hatte, dass es schmerzte. Irgendwann öffnete ich die Augen, streckte meinen Kopf aus der Bodenluke und erkannte die Stille in der Bewegungslosigkeit. Kein Vorhang wehte, kein Staubkorn rührte sich mehr. Ich stieg die Treppen hinauf. Sie knarrten.

Das Chaos ist unsagbar groß. Die Stille auch.

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