Die Phantasie des Möglichen

Fast vier Monate habe ich ihn nicht gesehen. Bei unserer letzten Begegnung übergab er sich in einen Blumenkübel. Sein Blick war ins Leere geglitten, ungläubig das Gehörte in seinem Kopf wiederholend. Dann hatte er die Hand vor den Mund geschlagen und war davongerannt. Eine Etage höher erbrach er sich.

Obwohl er mir so vertraut war, bin ich ihm nicht nachgegangen. Ich ließ ihn allein mit seinem Schmerz und ging meiner Wege – bis jetzt. Ich habe nicht oft an ihn gedacht. Zu sehr war mir unsere gemeinsame Zeit unter die Haut gegangen, zu sehr hatte mich der Verrat verletzt, der auch ihn bei unserem letzten Treffen zu Boden gerungen hatte.

Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Am letzten Donnerstag war es dann so weit. Er saß im Bordbistro eines ICEs, die Haare geordnet, der Blick erschöpft. Er ließ sich Zeit mit dem Ausräumen der Spülmaschine, wischte über jeden Teller noch einmal mit einem Lappen, um Zeit zu gewinnen. Nur auf diese Weise konnte er sicherstellen, dass seine Kollegen nicht auf ihn warten würden. Erst, als der letzte seiner Kollegen den Zug verlassen hatte, warf er das Geschirrhandtuch hin, löschte die Oberbeleuchtung und setzte sich an einen der fünf Bistrotische, an denen noch kurz zuvor die Gäste gespeist hatten. Er zählte bis fünf, dann hielt er den Atem an.

Das war der Moment, als ich mich zu ihm gesellte. Er blickte nicht auf, gab mir kein Zeichen des Erkennens. Und auf eine geheimnisvolle Weise schmerzte es mich. Aber er ließ mich teilhaben an den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, als er das Atmen wieder aufnahm – wie nach jedem seiner Arbeitstage. Er brauche seine Augen nicht mehr zu schließen, um sie sich zurück ins Gedächtnis zu rufen, sagte er und seine Stimme war leise, kaum hörbar neben dem leisen Summen der Bistromaschinen. Ganz zu Anfang noch, vor neun oder zehn Jahren, kurz, nachdem er seine Umschulung beendet hatte, sei es ihm nur unter Anstrengung gelungen, sich die Gesichter seiner Gäste vor sein inneres Auge zu rufen. Heute sei es umgekehrt und er habe beinahe Probleme, sie nachts wieder loszuwerden, wenn er sich am Abend in sein Bett lege. Nur in den fremden Laken eines Hotelzimmers wäre er verschont von ihrer Präsenz und ihren Leben.

An diesem Donnerstag war es eine alte Dame, die ihn nicht losließ. Sie war in Hannover zugestiegen, klein und gebeugt, mit einem silbrigen Haarknoten. Ihre wässrigen Augen zeugten von einem Durchhaltevermögen, das ihn eingeschüchtert hatte. War es die schwarze Umrandung ihrer hellen Augen gewesen, deren Kontrast ihre körperliche Gebrechlichkeit Lügen strafte?
„Kaffee, bitte. Schwarz und ohne Kindereien“, hatte sie gesagt. Jedes ihrer Worte eine Botschaft für sich. Fragen blieben nicht. Als er sich abgewendet hatte, um ihrem Wunsch nachzukommen, hatte sie ihm ein dürres Beinchen in den Weg geschoben. In ihrer wohl lieblichsten Stimme sagte sie: „Und bitte schnell. Ich bin 92.“ Er hatte gelächelt, es ging einfach nicht anders.
„Sie werden mir wohl nicht hier Ihren Abgang planen.“
„Weiß man’s?“ Sie hatte ihm zugezwinkert, dann laut und mit kratziger Stimme geflüstert: „Und Kaffee hätte ich schon gern noch vorher.“
Er hatte sich beeilt, erzählte er mir, ihre Bestellung vor dem Mandelkuchen des Koreaners und der Tagessuppe für die erste Klasse bearbeitet. Denn es ist dieser zeitliche Spielraum seiner Arbeit, den er gern und oft auskostet. Nicht die Chronologie ihres Eingangs ist ausschlaggebend für eine Bestellung, sondern die Dringlichkeit, mit der sie vorgetragen worden war. Ein Kaffee, bevor man das Zeitliche segnete – was konnte größere Priorität haben?

An dieser Stelle hatte ich mich lächelnd abgewandt, war den langen Gang durch den dunklen ICE gegangen und hatte mich an ein Fenster gestellt. Keine Frage, Yann hatte mich sofort wieder in seinen Bann gezogen. Er war ein Protagonist mit Potential. Seine kleine Geschichte, die Gesten und der gehetzte Blick, der wie ein Schatten sein Gesicht verdunkelt, erinnerten mich daran, warum ich vor vier Monaten gerade ihn auserwählt hatte. Ich sah aus dem Fenster auf das in Dunkelheit gebettete Lichtermeer von Frankfurts Skyline. Im letzten Oktober war ich anlässlich der Buchmesse zum ersten Mal in Frankfurt gewesen. Es hat mich nicht sehr beeindruckt – um ehrlich zu sein, hat es eigentlich gar keinen Eindruck hinterlassen. Und trotzdem habe ich mich entschieden, den größten Teil meines neuen Romans dort spielen zu lassen. Aus einem Grund, den ich nicht kenne. Genauso wenig, wie ich wusste, warum der Roman überwiegend in Zügen spielt oder warum Yann diese Minuten nach Feierabend in einem leeren Zug verbringt. All‘ das hat erst mit jeder weiteren Seite, die ich schrieb, einen Sinn ergeben. In dem Moment aber, als er von dem alten Mütterchen erzählt, auf Seite 4, da wusste ich das alles noch nicht, weil es kein Konzept gab. Und nie geben wird. Und ich weiß auch bis heute nicht, ob Yann überhaupt die Möglichkeit hat, in einem verlassenen Zug zu sitzen, ob es Spülmaschinen in Bistros gibt oder mit der Hand abgewaschen wird. Ich weiß nicht, ob – und wenn ja, wie oft – die Mitarbeiter in Hotels übernachten, wenn ihre Route am anderen Ende von Deutschland endet. Das ist das Risiko der Art, wie ich schreibe. Ich schreibe und alles ist möglich. Viele Worte sind Platzhalter meiner Phantasie, Worte, die ich später in intensiver Recherchearbeit verifiziere oder aber markiere, um sie zu ändern. Weil die Phantasie mit mir durchgegangen ist – oder weil ich es mir zu einfach gemacht habe. Ich liebe diese Reise durch Möglichkeit und Unmöglichkeit meines Geschriebenen. Wie viele interessante Menschen habe ich auf diese Weise kennengelernt: Tierärzte, Weinhändler, Zirkusartisten und Tiertrainer, Springreiter, Polizisten und Psychologen. Mit manchen habe ich heute noch Kontakt – sie sind gute Bekannte geworden. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben: der Anwalt, den ich anlässlich des letzten Romans kontaktiert hatte. Er war sehr engagiert, hat geduldig meine Fragen über sich ergehen lassen und irgendwie hat es ihn belustigt, als ich ihm schrieb: „Wie viele Drogen müssen bei xy gefunden werden, damit er drei Jahre und vier Monate Knast bekommt? Welche Drogen muss er haben? Reicht Cannabis oder müssen wir ihm noch etwas Härteres unterjubeln?“ Er lud mich zu einem Prozess ein, bei dem er einen jungen Mann verteidigte, auf den xys Fall passte.
Einer ehemaligen Kommilitonin und Weinkennerin schrieb ich vage Dinge wie: „Ich brauche einen deutschen Wein, der mehr verspricht als er hält.“ Oder auch: „Hier braucht es einen Wein, auf den in etwa die Beschreibung zutrifft, dass es ein guter Wein ist, mit dem sich der ‚unwissende Mittelstand‘ schmückt, um nicht unpassend aufzutreten, aber um dennoch zu zeigen, dass er Stil hat.“ Ich weiß bis heute nicht, wie sie es hingekriegt hat, mir exakt die Weinsorten herauszusuchen, die ich brauchte, aber diese vier Seiten in dem Roman gehören noch immer zu denen, die ich am liebsten lese.

Ohne diese Menschen würde ein wichtiger Teil meiner Arbeit fehlen. Vielleicht ist es dieser Teil nach dem Schreiben, der alles so greifbar und real macht, dass ich imstande bin, mich langsam von einer Geschichte zu lösen. Ein seichter Übergang, der den Abschiedsschmerz mehr süß als bitter schmecken lässt. Ich weiß es nicht. Aber genau das liebe ich ja – nicht zu wissen, und am Ende zu sehen, dass alles einen Sinn ergibt.

Und auch jetzt bin ich wieder voller Vorfreude auf die Bistromitarbeiter, Lokführer und Hotelangestellten, die ich ausquetschen muss über die Feinheiten ihrer Arbeit, auf die Stunden, die ich Bahn fahren und die Wege, die ich gehen werde, um Details von Räumen und Orten zu entdecken. Und all‘ das in Begleitung von Yann, der nach vier Monaten nun wieder in meinem Leben ist. Auch ein Wiedersehen mit Marla hat es schon gegeben. Kurz nur, unbedeutend scheinend, auch wenn es alles andere als das ist. Seite 10, glaube ich. Ich mag sie, die Zeit der Überarbeitung, wenn das eigentlich Vertraute sich so neu anfühlt. #NaNoWriMo, Teil 2.

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2 Responses to Die Phantasie des Möglichen

  1. Dorncritics says:

    Hallo Eva, jetzt bin ich aber auch neugierig auf Yann geworden! Ich finde die Idee einen Zugbistromitarbeiter und seine Erlebnisse und Begegnungen mit Zugfahrenden zu beschreiben wirklich interessant. Ich bin gespannt 🙂 Liebe Grüße Anne

    • Eva says:

      Schön 🙂 Dann hat der Artikel ja gewirkt. Ich bin selbst gespannt, was die Überarbeitung noch bringt. Liebe Grüße zurück.

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