Der Tag danach…

Aus meinem Rucksack schält sich ein verwaister Müsli-Riegel. Zeugnis der letzten Tage, in denen ich kaum zum Essen kam. Leicht zerbeult könnte er auch als ein Symbol meines Gesamt-Zustandes herhalten. Die rasante Serie dreier Tage Buchmesse fand gestern nun mein Ende. Die Beine schmerzend von den kilometerlangen Wegen, die ich täglich durch die langen Hallen des Leipziger Messegeländes wanderte – mit Schritten viel zu klein für meinen Wissensdurst, der sich raumgreifend all‘ der Antworten ermächtigen wollte, die ich ersehnte.

Große Unsicherheit hat mich nach Leipzig getrieben – nachdem sie mich zunächst fast davon abgehalten hatte, hinzufahren. Digitale Entwicklungen, die Möglichkeiten des Self-Publishing, die Frage nach der Qualitätssicherung in diesem Bereich und über allem immer die Frage nach der Zukunft des klassischen Print-Weges. Vor allem aber eines beschäftigt mich schon länger: Wer bin ich in einer Welt, die sich schneller entwickelt, als ich nach ihr greifen kann? Und welchen Weg kann ich einschlagen und dabei vor mir selbst bestehen?

Ich habe Antworten bekommen. Einige die ich suchte, andere, die ich nicht hören wollte. Und viel mehr. Einen besonderen Nachklang erzeugen noch immer die Menschen, die ich dort traf. Digital vertraute Namen, zu denen sich nun nicht nur ein Gesicht gesellt, sondern auch Worte und Stimmen – lehrreich, warm, scherzend: So wie von Sandra Uschtrin, die mich als eine der ersten Unterstützerinnen von Schreibenden seit Teenager-Tagen begleitet. Oder Wolfgang Tischer vom Literaturcafé, dessen Gesicht ich von seinem Twitter-Avatar nur halbseitig kannte – er hat einige wunderbare Vorträge für Autoren koordiniert, die hier bald als Podcast für alle zur Verfügung stehen werden, die nicht dabei sein konnten. Dass ich bei einem Vortrag am Donnerstag eine Zeitlang von einer dpa-Mitarbeiterin beobachtet und schließlich angesprochen und interviewt wurde, ist eine schöne Erinnerung. Auch, wenn meine bisherigen und ersten Erfahrungen mit der Presse ausnahmslos die sind, dass man selten so zitiert wird, wie man es wirklich gesagt hat. 🙂
Eineinhalb Stunden Privat-Audienz bei den Software-Entwicklern Ulli Ramps und seinem Sohn Hendrik halfen mir dabei, meine Übergangsschwierigkeiten von „Windows Word“ zu „Papyrus Autor“ zu bewältigen. Ich freue mich nun auf den Start mit diesem Programm, das ich seit einem Jahr besitze und das mit vielen trick- und hilfreichen Spielereien lockt. Nebenbei erfuhr ich noch, wem der Mund auf dem „Wörtliche-Rede-Icon“ gehört. Und dass das Ramps’sche Büro unweit meiner Wohnung liegt. Zwischen uns nur der Whisky-Laden in der Mainzer Straße.

Ich traf alte Bekannte vom Autoren-Bar-Camp im letzten Jahr, zum Beispiel Hilke Gesa-Bußmann und Tim Maicher, Karl Olsberg und Jannis Plastargias. Kontakte zu intensivieren ist ein gutes Gefühl – gerade, wenn die Schwierigkeiten der eigenen Arbeit sich ähneln. Das Echo meiner alltäglichen Hürden kommt nicht von allein. Ich muss es suchen – und finde es immer wieder auf Veranstaltungen wie diesen.

Ich hörte viele gute Vorträge. Ebenso viele schlechte. Und bekam auf meinen Wegen von einem Schauplatz zum anderen im Gedränge der Besucher unzählige Speere, Knüppel, Plüschohren, Schillerlocken und beeindruckende Brüste ins Gesicht. Die Cosplayer haben das Bild der Leipziger Buchmesse auch dieses Jahr wieder sehr bereichert.

Ja, ich wurde auch neckend verlacht, weil „Twitter ohne Smartphone kein Twitter“ sei. Und trotzdem habe ich es zum „Twittagessen“-Treffpunkt geschafft – einer Verabredung von Twitter-Usern zu einem ungezwungenen Mittagessen unter der weiten Glaskuppel im Zentrum der Messe. Zwar musste ich in altertümlicher Manier jemanden anrufen („Kannst du mal kurz in meinem Account nachschauen…“) – aber ich habe es gefunden. Ein smartphone-freies Leben ist mir diesen Umstand (noch) wert.

Am Freitagabend dann begann ich Bewunderung zu empfinden für Menschen, die nach einem Messetag erstens noch stehen und zweitens noch feiern können – um am nächsten Tag mit einer Handvoll Schlaf einen weiteren Messetag zu bestreiten. Diese Form der Leistungsfähigkeit habe ich nicht. Meine Energien verteilen sich anders. Dass ich körperlich halbwegs fit war, war aber spätestens am Samstag mein Glück. Im Rahmen von autoren@leipzig gab es dieses Jahr ein besonderes Highlight: Die Leipziger Autorenrunde – initiiert und umgesetzt von Leander Wattig und der Leipziger Buchmesse. Ein Raum, zehn Tische, über hundert TeilnehmerInnen und Input, Input, Input. Drei Zeitblöcke mit jeweils zwei aufeinander folgenden Gesprächsrunden, die Themen vielfältig – genau wie Dozierende und Anwesende. Ich fühlte mich angeregt, aufgeregt und beruhigt und versank immer wieder in stiller Nachdenklichkeit.
Vielleicht waren das die Momente, in denen ich mich erholte von der schwierigen Akustik. An den runden Tischen fanden kaum zehn Leute Platz und wer nur noch einen Stuhl in der zweiten Reihe bekam, hatte oft Mühe, Referenten und TeilnehmerInnen zu verstehen – zu angestrengt musste man sich vorbeugen, zu viel Konzentration darauf verwenden, die Stimmen der umgebenden Tische auszublenden. Mit schweren Augenlidern hätte ich das nicht geschafft.
Die Gespräche, die zwischen den Sessions, Tee, Suppe und Kaffee ihre Anfänge fanden, blieben oft unvollendet. Ob bedauerlich oder Grund für eine Fortsetzung auch über die Buchmesse hinaus, wird sich noch herausstellen. Vielleicht ist beim nächsten Mal auch die Happy Hour länger – eine abschließende Gelegenheit, Gesprächen in diesem Rahmen wirklich Raum einzuräumen. Trotz knapper Zeitbemessung ziehe ich dieses Format der Zusammenkunft dem der Bar-Camps im letzten Jahr vor: Es war intimer, weniger zerstückelt und bot mehr Raum für spontanen Austausch. Eine rasante Autorenrunde, liebevoll organisiert, mit einer tollen Atmosphäre und schrecklich plörrigem Kaffee, der nicht ansatzweise kompromissfähig war. 🙄 Aber ein Lächeln trugen am Ende fast alle auf den Lippen. Wunderbar, dass AutorInnen dieser Raum geboten wird. Vielen Dank!

Die letzten Stunden meines Messeaufenthalts waren mir – wie schon beim letzten und vorletzten Mal – ein besonderes Geschenk. Ein Tanz mit der stillen Seite der Messe, wenn die Besucher zurück in ihre Welt geströmt sind und die Halle wie mit einem schweren Seufzer auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Lange und leere Gänge, einsames Neonlicht und vereinzelt Grüppchen von Literaturmenschen, die sich an Verlagsständen mit dem (ersten) Sekt des Abends versammelt haben – geduldet von der Security, aber ermahnt zum baldigen Aufbruch.

Die geselligen Worte der kleinen Gruppen scheinen schwach und ohne Wirkung in dem Ausmaß an freiem Raum, der über ihren Köpfen und hinter den umgebenden Ständen lauert. Hier und da eine eifrige Reinigungskraft, eine verlorene Seele, ein erschöpfter Messeangestellter. Bücher zum Greifen nah. Frei und ohne Aufsicht. Staubsauger brummen. Ein Quadratmeter saugen kostet die Aussteller 50 Cent. Die unsichtbaren Seiten eines Großevents.

Sie werden genauso nachwirken, wie die sichtbaren.

 

 

 

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One Response to Der Tag danach…

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