Das Krähenkind

Die Krähe, sagt man, sei ein Symbol sowohl für das Leben als auch für den Tod. Ihr krächzender Schrei ist Träger einer wichtigen Botschaft. Als eine Art Schwellenwächter zwischen hell und dunkel, steht sie sinnbildlich als Bote für das Unbewusste. Die Krähe ist ein kluges und mutiges Tier. Wem sie im Traum erscheint, dem kann sie Seelenführer sein.

Und wem sie am Tage erscheint …?

 An einem Tag im letzten Sommer trieb ich mich in der Nähe des Ku’damms herum. Hier weht der Wind des Kapitalismus‘ seine ewig gleichen Lieder selbst in die kleinsten Nebenstraßen. Es war warm, aber nicht drückend, Menschen schlenderten gelassen durch eine kleine Parkanlage, hielten ihre Hände in künstliche Wasserbecken und lagen auf dem grünen, perfekt gestutzten Gras.
Ich kam von einem Termin und wann immer ich in der Gegend bin, sehe ich zu, dass ich sie auch so schnell wie möglich wieder verlasse. Ich gehe also nie in diese Parkanlage. Nie. Doch an diesem Tag brachte mich etwas dazu, die gewohnte Richtung zu ändern, über den kleinen Zaun zu steigen und mich auf eine verwitterte Bank unter eine stattliche Gruppe alter Bäume zu setzen. Mein Magen knurrte, ich war ausgehungert nach einem schnellen Aufbruch von Zuhause am Vormittag.

Ich öffnete meinen mitgebrachten Salat und nahm einen ersten Happen, als eine Bewegung in meinem Augenwinkel meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nur wenige Meter von mir entfernt saß eine kleine grau-schwarze Krähe unter einem Baum. Sie blickte mich an und ich hielt ganz still, um sie zu beobachten. Sie war zerstruppt und abgemagert und konnte nicht gehen – es schien, als wären ihre beiden Beine gebrochen. Mit ihrem Schnabel versuchte sie, etwas Essbares aus einem Haufen Unrat zu picken, scheiterte jedoch. Als sie schließlich mit unbedarftem Flügelschlagen zu einer Plastikschüssel robbte, in der sich Regenwasser gesammelt hatte, barst mein Herz in viele Teile. Wieder und wieder pickte sie in die Schüssel hinein, sammelte dann noch einmal all‘ ihre Kraft für einen kleinen Sprung und landete schließlich in der Plastikverpackung. Das wilde Rudern mit den Flügeln half nichts – sie kam nicht mehr heraus.
Langsam stand ich auf und näherte mich der Krähe. Eine Frau und ein junges Mädchen waren ebenfalls stehengeblieben und wir kamen ins Gespräch. Der junge Vogel hatte inzwischen das Gleichgewicht verloren und war aus der Schüssel gefallen. Benommen saß er nun im Gras. Es war deutlich zu sehen, dass er nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Es gibt an diesem Punkt Menschen, die die Ansicht vertreten, dass man solche „Angelegenheiten von der Natur regeln lassen“ sollte, sprich, das Tier seinem Schicksal überlassen (und in diesem Fall) sterben lassen sollte. Mir hat dieser Standpunkt nie eingeleuchtet und ich halte ihn – milde ausgedrückt – für einen bequemen Weg, um sich der Konsequenz zu entziehen, die das menschliche Handeln in dieser Welt noch dringender erforderlich macht als ohnehin schon: Verantwortung. Wir überlassen kaum noch etwas der Natur, lassen diese nur bedingt „Dinge regeln“, sondern greifen ein, wie es uns beliebt. Es ist mir unbegreiflich, wieso ich mich als Mensch also ausgerechnet in so einem Augenblick auf die Natur berufen und mich einer Handlungsnotwendigkeit entziehen soll. Vielleicht weil es unbequem ist, zu handeln. Weil die Zeit knapp bemessen und monetär ist und weil kein Pappkarton parat liegt, in den das Jungtier freiwillig hineinspringt, um auch sein weiteres Schicksal vertrauensvoll in unsere Hand zu geben. Es ist nicht bequem, sicher nicht. Und eventuell kostet es sogar Geld.

Zwischen Maria, der Frau, ihrer Tochter Christina und mir war dieses stille Einvernehmen, zu handeln. Wegschauen war uns keine Lösung. Ich rief meinen besten Freund an, damit er mir die Nummer eines tierärztlichen Notdienstes heraussuchte. Seine Stimme war ruhig und ernst, als er sagte: »Egal, was es kostet, ich zahle es.« Inzwischen hatten Maria und Christina einen großen, gelben Postkarton gekauft und mit Löchern versehen und ich telefonierte mit einem Tierarzt in der Nähe, schilderte ihm den Zustand des Vogels und er gab mir Anweisungen, wie ich das Jungtier fangen könnte. Meine Hände waren zittrig, als ich mich mit meinem abgestreiften Hemd dem verängstigten Tier näherte. Als ich es vorsichtig packte, sorgsam darauf bedacht, den abgemagerten Körper nicht zu sehr zu drücken, den Vogel aber auch nicht fallenzulassen, drehte das geschwächte Tier den Kopf um 180° und rief mit aufgerissenen Augen: »Kraaa.« Fast zeitgleich schoss aus den Baumkronen über uns ein Elternteil des Vogels und antwortete ebenfalls mit einem durchdringenden Krächzer. Wir waren auf einen Angriff der Krähe vorbereitet, doch sie schoss nur über unsere Köpfe weg und verschwand wieder zwischen dem blickdichten Blätterdach. Natürlich kamen mir in diesem Moment Zweifel, natürlich spürte ich die Elternsorge, aber der Tierarzt hatte mir versichert, dass die Elterntiere sich nicht um das Kleine kümmern würden. Mythos Rabenmutter?

Der Weg zur Tierarztpraxis erschien mir unglaublich lang. Jeder meiner Schritte muss für die Krähe ein angstvoller Balanceakt gewesen sein und ich war froh, dass Maria und ihre Tochter mich begleiteten. Maria erzählte mir, dass sie Heilpraktikerin sei und sich erst vor ein paar Tagen CDs über Krähen gekauft habe und sie erzählte mir vom Symboltier Krähe (oder auch Rabe). Ich lauschte mit großem Interesse ihren Worten. Sie sprach von inneren Prozessen, von Veränderung und von dem Prozess des Loslassens. Leben und Tod, zwei so gegensätzliche Formen des Daseins – und doch ohne einander nicht denkbar.

Ich war erleichtert, dass im Warteraum der Praxis kein einziges Tier saß. Wie hätte sich das Krähenkind gefühlt, in der beängstigenden Dunkelheit bedrohliches Katzengeschrei oder Hundegejaule zu hören und nicht fliehen zu können? Meine beiden Mitstreiterinnen und ich tauschten Adressen aus und Maria drückte mir Geld für den Tierarzt in die Hand. Wir umarmten uns, dann gingen sie.
Vorsichtig stellte ich die Krähe auf den Boden und wartete. Stille umgab uns und ich hörte die Zeit verrinnen. Unentwegt starrte ich auf die große Altbau-Flügeltür, hinter der ich den Arzt vermutete – unterbrochen nur von einem gelegentlich fragenden: »Kraaa?«, das dumpf aus dem Karton neben mir kam.
Als man schließlich kam und mir den Karton abnehmen wollte, schüttelte ich den Kopf. Ich hatte angefangen, Verantwortung zu übernehmen – und ich würde es auch zu Ende bringen. Und wahrscheinlich übertrug sich auch mein Misstrauen gegenüber Menschen-Ärzten auf den armen Tierarzt. Ich ging mit in den Behandlungsraum und beobachtete genau, wie der Tierarzt den Karton öffnete und das Kleine die Augen aufriss und wild zu krächzen begann. Doch schon kurz darauf verstummte es und während die Arzthelferin die Krähe fixierte, untersuchte der Arzt sie gründlich. Ich stellte viele Fragen, und er beantwortete mir alle. Die Füße waren nicht gebrochen, sondern verkrüppelt, aber alle weiteren Untersuchungen konnten nur von einer auf (Wild-)Vögel spezialisierten Kollegin gemacht werden.

Nur kurz darauf saß ich in einem Taxi auf dem Weg nach Charlottenburg, auf dem Schoß den gelben, gelöcherten Postkarton. Der Taxifahrer war redselig, aber zu mehr als einem gelegentlichen, höflichen »Mmmh« war ich nicht in der Lage. Wir fuhren durch den Berufsverkehr, in langen, kriechenden Schlangen drängten die Menschenmassen nach Hause. »Links das Rathaus Charlottenburg«, sagte der Taxifahrer und begann eine Geschichte aufzurollen. »Kraaa«, sagte die Krähe. Die Fahrt dauerte ewig.

Vor einem unscheinbaren Gebäude hielten wir schließlich an. Meine Schritte waren schwer, als ich auf die gläserne Tür zuging. Eine ebenfalls wartende Frau, die mich kommen sah, ging mir entgegen und hielt mir die Tür zum Wartezimmer auf. Ich schluckte meine Gefühle hinunter, als ich einen Papagei und einen Kanarienvogel dort in ihren Käfigen sah. So liebevoll die Besitzer mit ihnen sprachen und wie sehr sie die Tiere auch lieben mochten – ich hatte das Gefühl, dass es einfach nur falsch war, ein Wesen in einen Käfig zu stecken, das dafür gemacht ist, Wind und Leben unter seinen Flügeln zu spüren. Dass die Praxis selbst eine große Voliere im Wartezimmer hatte, war ein zusätzlicher Schock.
Ich schloss die Augen und begann leise zu summen. Die Krähe steht für Veränderung. Sie ist eine Botin. Marias Worte trugen mich durch die Zeit des Wartens. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass mich die Tierärztin ansprach. Mit einer silbrigen Dose in der Hand bat sie mich nach draußen. Während sie das kleine Tier gegen Ungeziefer einpuderte, durfte ich den kleinen Körper halten. Ich spürte das klopfende Herz und die Zerbrechlichkeit des Körpers unter meinen viel stärkeren Händen. Was für eine Macht wir doch Schwächeren gegenüber hatten. »Kraaa«, rief sie wieder, während die junge Assistenzärztin ihr das weiße Puder unter das Gefieder rieb. Und es war das Letzte, was ich von ihr hörte. Die Assistenzärztin erklärte mir, sie würden die Krähe nun eingehend untersuchen, was aber dauern könnte. Ich könnte aber gern am nächsten Tag anrufen, und mich nach ihr erkundigen. Ich nickte, die Ärztin verstaute die Krähe in einer Art Katzenkorb und verschwand in der Praxis. Ich blieb auf der Straße zurück. Mit einem zerlöcherten Postkarton und einem Hemd voller Vogelkot.

Tief bewegt fuhr ich mit der Bahn nach Hause, gespalten von Mitgefühl, Freude am Leben und Abscheu gegen mein Umfeld. Die Gespräche um mich herum erschienen mir sinnentleert, die Blicke auf Mobiltelefone oder aus dem Fenster tot. Man stritt über Nichtigkeiten und ignorierte bedürftige Obdachlose. Dazu das traurige Wissen um die Mentalität von Brot und Spielen, ein Prinzip, das in uns allen greifen kann, mit dem man uns nährt und ruhigstellt. Und immer wieder das Leid in den Augen des kleinen Vogels. Wie viele Menschen kümmern sich um mehr als ihre eigene Befindlichkeit? Wie weit haben wir uns von unserer Natur und von uns selbst entfernt? Und was sehe ich selbst alles nicht, obwohl ich gewillt bin, zu sehen?

Die kleine Krähe wurde noch am selben Abend eingeschläfert. Sie war nur einer von vielen mysteriösen Fällen im vergangenen Jahr. Viele Wildvögel waren mit verkrüppelten Beinen in den Tierarztpraxen abgegeben worden. Sie hätte nie auf einem Ast sitzen oder sich aufrecht halten können. Wie ihre Artgenossen litt sie unter den Folgen starker Mangelernährung.
An diesem Abend erfuhr ich auch, dass ein guter Bekannter seit Wochen mit einer unbekannten Krankheit im Krankenhaus lag, täglich mehr abbaute und nun voller Verzweiflung sein Testament machte. Und ich erfuhr von einer Bekannten, die am nächsten Tag das Ergebnis eines Krebstests erhalten sollte. Kraaa, hörte ich es aus der Ferne. Kraaa.

Die Krähe, sagt man, sei ein Symbol sowohl für das Leben als auch für den Tod. Ihr krächzender Schrei ist Träger einer wichtigen Botschaft. Als eine Art Schwellenwächter zwischen hell und dunkel, steht sie sinnbildlich als Bote für das Unbewusste. Die Krähe ist ein kluges und mutiges Tier. Wem sie im Traum erscheint, dem kann sie Seelenführer sein. Und wem sie am Tage erscheint, dem legt sie die tiefe Bedeutung des Lebens in die Hände – egal, ob Mensch oder Tier, wir alle kämpfen um unser Überleben. Und das verbindet uns. Und macht uns gleich.

Danke, kleine Krähe.

This entry was posted in Begegnungen, Berliner Leben and tagged , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.