Aspekte einer Existenz

(Diesen Text habe ich im vergangenen Jahr geschrieben, inspiriert von Brigitte Reimann, deren Tagebücher mich fasziniert, bewegt und beflügelt haben. Sie stellte sich der Zerrissenheit zwischen Sein und Nicht-Sein, blickte der Verantwortung ins Auge, die das Leben als Schriftstellerin in der DDR von ihr forderte.)

Die Uhr zeigt weit nach Mitternacht. Zweifel und Orientierungslosigkeit treiben mich durch Stunden ohne Worte. Ein Gefühl, als säße man schweigend unter einer Trauerweide, geschützt vor Sonne, Regen und Wind, in der Hand einen glimmenden Zigarettenstängel und ein Glas Whisky. Ich beobachte. Und suche.

Sie halten mich für exzentrisch. Sprunghaft. Rücksichtslos. Ganz auf mich selbst fokussiert, überginge ich die wahren Bedürfnisse einer Gesellschaft, würde gefangen in meinem Egoismus und meiner kranken Ichbezogenheit leben. Ich benähme mich zügellos und trüge mit gelebter Hemmungslosigkeit zum Verfall der Werte bei. So hörte ich es.

Es trifft mich nicht. Ich frage mich nur, ob sie recht haben. Auch, wenn sie mich an den Pranger stellen, vom Sockel gesellschaftlicher Moral herab und im Namen von Sitte und Anstand argumentieren. Denn sind nicht sie es – die am lautesten schreien –, die sich spätabends unter der Bettdecke an unseren Werken ergötzen? Sind nicht sie es, denen es nicht laut genug, anrüchig und verwerflich genug sein kann? Die sich über mich und andere das Maul zerreißen, um nicht an der Langeweile zu ersticken wie ein Fisch ohne Wasser? Welch‘ ärmliche Doppelmoral. Als würde ihr Gott beschämt Halt machen vor der Tür des ehelichen Schlafzimmers. Als vergebe er die Sünden der Nacht, wenn am Tag nur laut genug gezetert wird. „Bloßer Anstand ist kein Ausweg, sondern bestenfalls ein Notausgang.“ Eine Flucht vor der eigenen Wahrhaftigkeit.

Und was ändert ihr Geschrei? Zudem sie irren. In keinem Moment mehr, als im Schreiben, löse ich mich von meinem egoistischen Selbst. Die verzweifelte Konzentration, das Ausblenden der Außenwelt, der schmerzhafte Rückzug in die Einsamkeit … nichts weiter als die Notwendigkeit, sich nach innen zu kehren, dorthin, wo es eben kein „Selbst“ gibt, auf das man die Welt beziehen kann. Denn das Selbst existiert doch stets nur in Wechselwirkung mit dem Außen. Mit ihnen. Der Akt des Schreibens löst mich auf, ich halte inne im Sein, für eine Weile, um das in Worte zu gebären, was ich zuvor sah, erlebte und ersehnte, was mich durchströmte, formte und berührte. Um das zu tun, was nötig ist, damit die Werte Bestand halten. Ihrer Zeit gemäß – nicht kompromisslos aus einem Gestern sich nährend.

Nicht ichbezogen, nein. Schreiben ist ein Akt der Selbst-Losigkeit. Das Selbst tritt zurück, lässt der inneren Stimme Vortritt, die nicht agieren muss nach Gefallen oder Erwartungen. „Die Geschichte muss gut sein, der Schriftsteller interessiert nicht.“

Und doch verstehe ich ihre Bedenken und ihre Befremdlichkeit. Ich spüre es ja selbst, wenn es wieder aus mir herausbricht, das Leben und der Überschwang der Gefühle. Dann erkenne auch ich mich nicht mehr. Vielleicht, weil wir Kennen und Erkennen zu häufig an seiner Kontrollierbarkeit messen, an der Wiederholbarkeit des Handelns, an etwas Vertrautem, an dem wir uns orientieren können. Und vor allem an der Abwesenheit von Ambivalenz und Inkonsequenz. Das sind dann die Momente, wo ich ihnen zunicke, und mich frage, ob sie vielleicht tatsächlich nicht so empfinden und „ob ich krank bin – ob nicht die Welt zum Tode verurteilt ist, sondern ich“. Denn in einem Moment trinke ich mit vollen Händen Leben. Und zerschelle im nächsten Moment an seinem Echo.

Ja, wir wünschen uns Verlässlichkeit. Und verstehen. Aber so ist das Leben nicht. So bin ich nicht. Und so sind auch sie nicht. Sie sind genauso verderbt und verloren wie ich. Aber sie haben sich unterworfen. Dem Anstand und der Sitte. Der Angst vor Verlust.

Ich trage unser beider Verantwortung.

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„Markierte“ Textstellen sind Original-Zitate aus: „Ich bedaure nichts: Tagebücher 1955 – 1963“ (Aufbau Taschenbuch, 2000).

Eingesandt als Skizze zum Schreibaufruf der Stadt Burg anlässlich des Brigitte-Reimann-Jahres 2013: »Reimann war eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Sie glaubte an eine große Sache und zweifelte an ihr. Ihren Zweifeln folgte meist Verzweiflung: an ihrem Talent, an ihren Arbeiten, an ihrer unbändigen Lust auf Leben. Sie wetteiferte mit Pitschmann. Bitterfelder Weg, Hoyerswerda, Arbeit in der Schwarzen Pumpe, Ankunftsliteratur. Die Arbeit, die Brigaden, der Parteiapparat. Die Menschen wollen nicht nur arbeiten, sie wollen wohnen, lieben, träumen. Die Reimann hat nichts zu verlieren außer sich selbst.« (Quelle: http://www.stadt-burg.de/cms/brigitte-reimann.html)


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