Sams Gedanken [Schreib-Experiment 2]

„Me826513_54094691hr experimentieren, Eva“, hörte ich mich neulich sagen, als ich wieder einmal laut mit mir selbst sprach. Ich mache das oft. Und meist ist es Ausdruck eines Gedanken, der schon lange da ist, aber bisher ungehört und ohne Konsequenz einsame Runden in meinem Kopf drehte. Laut ausgesprochen, bekommt er Nachdruck – und auf einmal eine eigene Stimme.

Und nachdem mir meine erste Mikrogeschichte ziemlich viel Spaß gemacht hat, habe ich mich hier an einer „Schreibübung“ versucht, die im Buch „Romane und Kurzgeschichten schreiben“ von Alexander Steele (Autorenhaus Verlag) zu finden ist. Auf Seite 31, im Kapitel I „Literatur: Das Was, das Wie und das Warum“ liest man dort:

Schreiben Sie den folgenden Eröffnungssatz: Sam war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen oder das Zeichen einer kommenden Katastrophe war, aber er wusste … hier schreiben Sie weiter. Schreiben Sie, was Ihnen dazu einfällt, ohne lange darüber nachzudenken oder innezuhalten.

Hier mein Ergebnis: Sams Gedanken. Unkorrigiert und ohne absetzen. Dies ist zwar keine Blogparade, aber wer Lust hat, darf sich natürlich gern dieser Übung annehmen und in den Kommentaren verlinken oder mir einfach so zusenden.

Sam war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen oder das Zeichen einer kommenden Katastrophe war, aber er wusste…

„… dass die Zeit gekommen war, die Konsequenzen für alles Vorangegangene zu tragen.
Behände stand er auf und stellte sich vor den Spiegel, der den Durchgangsbereich zu seinem Arbeitszimmer schmückte. Sein Bauch hatte in den letzten Monaten einen kleinen Ansatz gebildet, die behaarte Haut war gestrafft und bog sich frech über den Hosenbund. War er attraktiv? Er fand ja und er wusste – genau, das machte sein Leben zu einem Problem. Selbst- und Fremdwahrnehmung drifteten in seinem Fall auseinander wie aufgeschreckte Hühner. Näherte er sich einer Frau, sicher, dass der Abend in zerwühlten Laken enden würde, so kassierte er eine Abfuhr. Bei Männern war es das Gleiche. Seit er aufgehört hatte über sexuelle Identität nachzudenken, war sein Leben leichter. In angetrunkenen Momenten nannte er es die „Freiheit der doppelten Wahl“. Machte es einen Unterschied, ob er einen Mann oder eine Frau vor sich hatte? Wo Leidenschaft sich Bahn gebrochen hatte, spielte Identität nur noch eine untergeordnete Rolle. Sam lächelte und strich sich über die Glatze, die sich weniger leidenschaftlich aber genauso plötzlich Raum verschafft hatte. Er nahm den Brief, in dem ihm die Fotos zugesandt worden waren, und straffte die Schultern. Die Konsequenzen aus einem Gestern waren vielleicht weniger negativ, als er gedacht hatte. Vielleicht verhielt es sich hier ähnlich wie mit der körperlichen Wahrnehmung: Andere sahen Dinge, die er nicht sah. Und Dinge, die er getan hatte, waren von anderen vielleicht nicht einmal registriert worden.“

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Die Stille nach dem Sturm

Das Fenster stand sperrangelweit offen, als der Sturm meine Welt erreichte. Ohne abzubremsen, fuhr der Wind hinein, und jagte durch die Stockwerke. Zuerst den langen Flur entlang, wobei er die Garderobe mit sich riss und die Bücher aus den Regalen fegte. Dann tobte er die hölzerne Treppe hinauf; fast geräuschlos möchte ich meinen, denn ich vernahm kein Knarren und kein Knarzen. Er drang ins Schlafzimmer, drehte eine Pirouette im Bad und bemächtigte sich im Arbeitszimmer der Loseblattsammlung. Seine kalte Hand öffnete alle Schubladen und Schränke, riss die die Türen zu den Zimmern aus den Angeln und pustete seine Botschaft in die hintersten Winkel. Er riss die Bilder von den Wänden und warf liebgewonnenes Interieur um.

Ich hielt stand, schloss die Augen, während mir die Strähnen meiner Haare in die Augen peitschten und die Heftigkeit des Windes an den Konturen meines Körpers zerrte. Es wird vorbeigehen, dachte ich. Ich werde die Augen öffnen und es wird sich zeigen, dass es nur ein kleiner Westwind war, der sich in fremdes, nordisches Gewand gehüllt hat, um sich einmal groß zu fühlen. Ich werde die Augen öffnen, schnell die Fenster schließen und denken: Puh, nochmal gut gegangen. Und vielleicht werde ich sogar lächeln über diesen kleinen Schabernack. Er hat es ja nicht bös‘ gemeint.

Doch aus dem Pfeifen wurde ein Heulen und ich begann, Schmerzen in den Eingeweiden zu spüren. Ich hielt mir zuerst die Ohren zu, dann kniff ich die Augenlider zusammen. Schließlich drängte ich in den Keller, wo ich mich in eine Ecke kauerte, während über mir der Sturm tobte und die Dinge ihren vertrauten Orten entriss und neu platzierte.

Nein, dieser Sturm kannte keine Himmelsrichtung. Seine Raserei war südlich gefärbt, die kühle, unbarmherzige Handschrift trug nordische Züge, er sang Klagelieder aus dem Osten und strebte sehnsuchtsvoll nach Westen. Und es gab Momente, da wünschte ich mir, er würde einfach alles mitnehmen – auf dass ich den ersten Stein des Fundamentes noch einmal neu setzen könnte. Aber er ging. Irgendwann ging er einfach, huschte hinaus, beinahe unbemerkt, da ich die Hände fest auf die Ohren gepresst hatte, dass es schmerzte. Irgendwann öffnete ich die Augen, streckte meinen Kopf aus der Bodenluke und erkannte die Stille in der Bewegungslosigkeit. Kein Vorhang wehte, kein Staubkorn rührte sich mehr. Ich stieg die Treppen hinauf. Sie knarrten.

Das Chaos ist unsagbar groß. Die Stille auch.

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Die Illusion des letzten Aktes

Hast du wirklich gedacht, dass nur der Vorhang fallen muss, damit du auf die nächtliche Straße treten und Sorglosigkeit atmen kannst? Dass der kühle Winterwind auf deinen Schultern das einzige Anhängsel ist, das du abzustreifen wünschst? Dass der Applaus verebbt und du einfach deine Schritte auf das Anthrazit des Asphalts setzt, der feuchten Spur des letzten Regens nach Hause folgend, zurück bis dahin, wo du herkamst?
Hast du geglaubt, es ginge immer nur darum, sich aufzumachen, die Gedanken zu zerstreuen? Dass du die Abendluft atmen kannst, während du in Unschuld nach Hause zurück spazierst? Lerntest du nicht, dass die Oper zu Ende ist, wenn die dicke Frau nicht mehr singt? Ich sage dir: Es ist egal, ob sie noch singt oder nicht mehr singt. Ihre Rolle ist nicht tragend, der fallende Vorhang aus staubigem Samt. Ja, schau nur dahinter, heb ihn an, den weinroten Stoff, den die Last der Illusionen beschwert. Du wirst nichts finden, denn da ist nichts, und wenn was war, so ist es jetzt vergangen. Das Bühnenbild ist verschwunden, die Lichter sind aus. Zurück bleibt nur noch das Knarren der Theaterdielen in deinen Ohren. Und es wird nie verklingen.

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Gérard

Geräuschvoll näherte er sich von hinten, seine Schritte ein ungleichmäßiges Schaben auf nassem Boden. Er überholte sie links, zu schnell, zu unbedacht und kollidierte beinahe mit dem Pärchen, das ihnen entgegenkam. Sie erhaschte nur einen raschen, unzuverlässigen Blick: Er war von grober Statur, kantig in den Umrissen, die Haare licht, der Mantel leicht. Unauffällig die Aura, raumgreifend der Gang. Sein Oberkörper schwankte unstet von einer Seite zur anderen, wie er sich vorwärts pendelte und schließlich vor ihr in der Dämmerung verschwand.
»Gérard«, wollte sie rufen. Und nochmal: »Gérard«. Wollte ihn halten. Ihn und diese vertraute Entrücktheit, die ihn umgab.
Aber sie kannte niemanden, der Gérard hieß.

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fort.

und dann wenn nichts mehr ist wie es war erinnerst du dich der faden tröstlichkeit von normalität greifst nach ihren konturen und ringst in ihrem einst so trivialen licht nach atem – doch das gestern ist fort und normalität nichts weiter als ein vergehendes wort auf einer blassen folie unter der das essen von gestern erstickt.

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Orte wie dieser – Des lieux comme celui-ci

Es ist ein besonderer Moment für mich, kurz vor Ende des Jahres, einen alten Text im neuen Gewand präsentieren zu können. „Orte wie dieser„, den ich Anfang März im Blog veröffentlichte, handelt von einem Ort, der mein Leben von Anfang an auf eine ganz besondere Weise begleitet hat: Die Ile d’Oléron, vor der französischen Atlantikküste gelegen, beherbergt unser fast 300 Jahre altes Haus und mit ihm eine Fülle an Erinnerungen, die einen großen Teil dessen ausmachen, was ich bin.

Dank meiner lieben Freundin Amandine Robert bekommt diese Ode an einen Ort nun einen ganz anderen Glanz: Sie hat meinen Text ins Französische übersetzt. Schon als ich Amandine vor vielen Jahren während ihres Deutsch-Studiums in Paderborn kennenlernte, versetzte mich ihr Gespür für die Nuancen der deutschen Sprache in Staunen. Mit ihr sprachliche Feinheiten und Ausdrücke zu diskutieren, ist eine wahre Freude. Es eröffnet mir einen ganz neuen Blick- nicht nur auf das Französische, sondern auch auf meine eigene Muttersprache. Und mir war immer klar: Wenn jemand irgendwann meine Texte übersetzen kann, dann sie. Danke, Amandine, dass diese Vorstellung nun wahr geworden ist.

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Des lieux comme celui-ci

Il fait sombre tout autour de moi. Seul le rectangle bleu foncé que forme le ciel se dessine au bout de la pièce dans le cadre de la fenêtre. Il fait glacial dehors et pourtant, j’ai laissé la fenêtre entrouverte et l’air froid entre et refroidit le bout de mon nez. Cela fait trop longtemps que je ne l’ai pas entendu pour pouvoir y renoncer maintenant, durant ma première nuit ici – le murmure de l’Atlantique, dont les vagues effrénées déferlent sur l’île. Au cours des dernières semaines, des tempêtes en provenance d’Islande et d’Angleterre ont transporté de grosses vagues vers la côte française de l’Atlantique. La pointe sud de l’île a cédé plusieurs mètres, des parties entières de forêt ont été inondées à Maumusson, tandis que d’autres années, elles succombaient à plusieurs semaines de sécheresse – une sécheresse responsable d’un très fort risque d’incendie.

Cela fait à peine deux heures que nous avons franchi le pont – lumières bleues dans l’obscurité de la nuit – serpentant de la terre ferme vers l’île, reliant l’estran, découvert à marée basse, à la partie basse, orientale de l’île. Il était minuit largement passé, mon compagnon de route dormait depuis une heure et demie, la tête en arrière, la bouche grande ouverte, incapable de m’aider sur notre chemin à travers la nuit. Chaque fois, ce sont les deux cents derniers kilomètres qui nous privent de notre lucidité. « J’ai encore oublié à quel point cette dernière portion du trajet est horrible », dit-il avant de glisser dans un sommeil léger. En effet, il y eut certaines années où, après presque treize heures de conduite, nous nous relayâmes toutes les vingt minutes sur les derniers mètres, en lutte contre un sommeil trop puissant s’emparant de manière grandissante de nos corps et allant même jusqu’à engourdir le bout de nos doigts. Une année, alors que nous étions près du but, nous dûmes dormir une petite heure le long de la route départementale – affaissés entre le panier à provisions, dont tout le contenu avait été mangé, et les bouteilles d’eau, emballages papier et autres feuilles d’essuie-tout contenant des pépins de pommes et peaux de bananes, portant sur les genoux le corps sans vie de nos cale-nuques dont l’air s’était échappé, assis le menton sur la poitrine et les jambes pliées. Long est le chemin menant au paradis.

Mais cette année, c’était différent. Lorsque la vigilance quitta mon copilote, je repris le volant. J’avançai le siège, réglai les rétroviseurs et éteignis le plafonnier. Juste le tableau de bord et moi, le faisceau des phares avançant dans l’obscurité, divisant le noir, braqués sur leur objectif, et me révélant l’étendue de routes françaises désertes. Quelque chose me maintenait éveillée, un courant irrésistible me portait sur l’A10 jusqu’à la sortie 35 – Ile d’Oléron. J’allumai la radio et Chérie FM, Nostalgie et Alouette se relayaient pour remplir de chansons ce petit espace qui ces minutes durant, constituait mon monde. Que j’accompagnais en chantant à tue-tête. Nous traversions des villages français qui semblaient sans vie. Des façades grises sur lesquelles se déposait la suie des voitures y passant, des maisons aux volets fermés, les mauves qui d’habitude nous font signe en guise de salutation, n’ont pas encore poussé. L’on est en février.

Je poussai un petit cri de joie au moment de m’engager sur le pont. Mon compagnon continuait de dormir. « Hmm », dit-il. Mais je babillai pleine d’entrain, ouvris les deux fenêtres avant et aspirai gloutonnement l’air frais de la mer. Cela faisait du bien, tellement de bien d’être de nouveau à la maison. Je vais aller à la mer, me dis-je. Maintenant. Est-ce que je passe par Vertbois pour humer encore un peu le parfum des pins, des pins parasols ou est-ce que j’emprunte le bon vieux chemin de Dolus, la longue et familière Route de la plage descendant à Rémigeasse ?
« Est-ce que ça te dérange si je fais un rapide détour par la mer ? » demandai-je à voix haute.
« Pourquoi me poses-tu la question », murmura-t-il, « tu vas de toute façon le faire. » Le ton de sa voix était d’une désapprobation affectueuse, je l’entendis sourire dans l’obscurité et ne sus que répondre.

C’est chaque fois un instant magique lorsqu’après tous ces kilomètres, après l’avancée tâtonnante de péage en péage, le moteur enfin s’éteint, que s’ouvre, s’impose à nous l’océan atlantique et que son mugissement pénètre par les portes fermées jusque dans nos oreilles fatiguées. Au plus tard à ce moment-là, même le plus épuisé des compagnons de route se réveille. Nous descendîmes et plongeâmes dans la magie de l’île. La mer était noire, sauvage et agitée. De temps à autres scintillait dans l’obscurité la crête moutonnante d’une vague, les pierres calcaires dessinaient le contour de l’île, l’eau salée en léchait les bords.

Cela me coûte toujours beaucoup de m’arracher à cet instant de l’arrivée. Quand je me tiens là-bas sur la côte, avec sous mes yeux cette mer familière, qui déploie mes pensées jusqu’à New-York, s’ouvre à l’intérieur de moi l’ensemble des années passées ici. Si je mets bout à bout le temps passé ici, presque quatre années de ma vie appartiennent à cette île – années qui font partie des plus heureuses et des plus marquantes de ma courte vie. Années durant lesquelles j’ai appris la vie comme à aucun autre moment. Nulle part ailleurs dans ce monde, je me sens à ce point protégée, en sécurité, à la maison qu’ici. Nulle part ailleurs, je me sens plus proche de moi-même, nulle part ailleurs plus invincible. S’imaginer perdre un jour cette source de vigueur revient à envisager de se couper les racines et d’avancer en boitant, jambes mutilées, dans un avenir incertain.

Ma dernière fois ici remonte à un an et demi. Chaque année où je n’ai pu inscrire quelques mots dans notre livre d’or à la couverture noire et rouge, m’apparaît comme une petite tache sombre dans ma biographie. Jusqu’à présent, ce ne sont que deux années – 2008 et 2013. Pas suffisamment de force en 2008, personne pour m’accompagner en 2013. Ces deux années-là me vint, peu avant le 31 décembre, l’entêtante idée de filer rapidement sur l’île pour saluer de la main les murs calcaires, respirer l’odeur de chanci de l’entrée, boire un pineau assise sur les pierres noires au bord de la mer, saluer la nouvelle année et repartir. Evidemment, non sans ouvrir auparavant une fois chaque porte de la maison, passer dans chaque pièce, toucher une fois chaque poignée de fenêtre, regarder dans la grande armoire jaune dont les portes coulissantes rappellent le grondement du tonnerre à l’horizon, puis me rendre au fond du jardin, me retourner et regarder, remplie d’une joie incrédule, la grande maison avec ses fenêtres à petits carreaux. Et plus je me tiens là à la regarder, plus ces années qui ont laissé leurs traces en ce lieu, deviennent présentes. Je nous vois, mon frère et moi, enfants, en train d’étaler sur les murs près de la table en pierre, les trésors d’une journée passée à la plage et les vendre à notre famille, patiente. Un escargot coûtait 5 centimes, un coquillage coloré montait à 10. Méticuleusement, nous fabriquions des étiquettes sur lesquelles était indiqué le prix et vendions à la criée notre marchandise. Je vois ma grand-mère bien-aimée glissant à travers le jardin, son chapeau de paille blanchi sur les genoux, et parlant à ses fleurs, arrachant les mauvaises herbes et célébrant la lenteur. En m’approchant et regardant par la fenêtre au milieu de la porte, je nous vois durant notre adolescence, ma mère, ma tante, mon cousin, mes amis – un groupe nombreux et panaché de gens. J’entends le bruit sourd de leurs rires joyeux, d’ardentes discussions, de querelles. Ils jouent, mangent, écoutent à la radio les élections en Allemagne ou lisent. Ils sont insouciants, sont ensemble, les uns avec les autres, s’arrangent. Vivent.

Ces époques sont révolues depuis longtemps. Les groupes sont devenus plus petits, les gens plus individuels. Les temps ne sont pas moins heureux. Mais moins bruyants. Ma grand-mère n’est plus en vie, mais son esprit continue de flotter à travers la maison. Et en ces jours, j’ai parfois le sentiment qu’elle pince les lèvres de manière critique.

Ce n’est que tôt le matin, lorsque déjà une fine bande de clarté se lève sur l’île, que je m’extrais du chaud cocon que je me suis fabriqué à l’aide de couvertures en laine, et ferme la fenêtre. L’air dans la pièce est glacé, mes membres sont engourdis par le froid. Je ne sens plus le bout de mon nez, mais je suis heureuse. Dehors, il pleut et la tempête souffle. Les volets claquent et la fébrilité me parcourt le corps. Je scrute le ciel dans l’espoir d’y voir des éclairs, mais une couche grise reste accrochée, inerte, au ciel. Trop de pluie se déverse sur le paradis.

 

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Es gibt kein Ende – nur Anfänge…

Wie viel Chamäleon verträgt mein Leben?, fragte ich vor einiger Zeit. Ich weiß es jetzt.

Fast zwölf Wochen sind seit dem letzten Eintrag vergangen. Das sind gute drei Monate, ein viertel Jahr. Für mich jedoch fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Wie die Brücke der Orientierung zwischen zwei Leben.

Ich öffne meinen Blog und fühle mich, als stünde ich in einem Zimmer, das mir vertraut und fremd zugleich ist. Ich sehe bekannte Gegenstände – oder eben Texte. Einige schön, andere traurig, fragend, tragisch, anklagend, voller Lust auf Leben und Liebe, sehe Zusammenhänge und Lücken, Fragen ohne Antworten und Antworten ohne Fragen. Ja, zweifelsfrei, das ist mein Zimmer, das ist mein Blog. Ich habe es irgendwann in der Vergangenheit verlassen. Aber es ist jemand anders, der dorthin zurückkehrt.

Seit ich denken kann, habe ich davon geträumt, vom Schreiben leben zu können. Nach dem Studium stand ich vor der Wahl, die für mich nie eine war: Mich in der Wirtschaft verheizen zu lassen oder meine gesamte Zeit dem zu widmen, was ich immer wollte und nur nebenbei machen konnte: Schreiben. Ich habe viel Zuspruch erhalten, eine Förderung vom Arbeitsamt bekommen, viel Glück aber eben auch Verbissenheit gehabt. Und ich habe es geschafft. Ich habe die letzten Jahre allein vom Schreiben gelebt. Nicht von Romanen oder Geschichten, aber von Text. Und diese Erfahrung war verdammt wichtig. Zu erkennen, dass ich nicht in einer Seifenblase lebe, hinter deren schillernder Wand die Welt schöner und lebbarer erscheint, als sie tatsächlich ist – das hat mich noch stärker gemacht. Eine Vorstellung zur Realität werden zu lassen – das war wie die Vereinigung zweier Seelen, die stets getrennt waren.

Es war eine schöne Zeit. Und sie steuert auf ihr Ende zu.
Ich will nicht mehr für Geld schreiben – schreiben müssen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vergiftet mich. Der ewig wirkende Kapitalismus findet dich eben auch in deinem Kämmerlein. Da kannst du dich noch so minimieren in Konsum und Bedürfnis. Er lupft die zugezogenen Vorhänge, triumphiert, rennt ums Haus, reißt die Tür auf, setzt sich neben dich, trinkt deinen Whisky, bringt deine Loseblattsammlung durcheinander, quatscht dir rein, streut Zweifel … kurz gesagt: Er macht dir das Leben zur Hölle.

Vier Romane habe ich in den letzten drei Jahren begonnen, keinen davon zu Ende gebracht. Die Muse ist ein launiges Miststück. Sie duldet keine Götter neben sich. Und der Kapitalismus mit seinen verbissenen Honorarverhandlungen, seinen gebrochenen Versprechungen, seiner menschlichen Berechnung und der Konkurrenz am Markt ist ihr zuwider. Und ich habe ihr nichts entgegenzusetzen. Es ist auch nicht meine Welt. Und nicht, weil ich zu feige bin, dort zu sein, sondern weil ich dort nicht sein will. Und es auch nicht muss, um zu überleben. Und wer mir das Gegenteil einreden und mich mit Argumenten einer tötenden Vernunft erschlagen will, hat entweder fünf hungrige Mäuler zu ernähren, ist von Ängsten durchsetzt oder aber höriger Sklave eines Systems, mit dem ich mich zwar arrangieren, aber von dem ich mich nicht verschlucken lassen werde.

Dass eine Lebensspanne vorbeigeht, ist mir in den letzten Wochen klar geworden, als der Sommer nach mir griff. Keiner Einladung bin ich lieber gefolgt. Ich habe mich vom Leben verschlucken lassen. Wochenlang habe ich keine einzige Zeile geschrieben – weder für Geld, noch aus Leidenschaft. Ich bin eingetaucht ins Leben, in die Wellen des Ozeans, habe der Leidenschaft für das Surfen Raum gegeben, an unserem Haus in Frankreich gewerkelt, gelacht, gelebt, geliebt, von den süßen Früchten des Lebens gekostet, … und Zeit? Zeit war nur ein Gebilde von der Länge eines Atemzugs.

Nein, so habe ich keinen Spaß mehr am Schreiben. Ich bin verbraucht. Und ich bin kompromisslos genug, um zu sagen: Diesen Preis zahle ich nicht. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich weiß nur eines: so nicht. Ach, und noch eines weiß ich: Ich brenne in Vorfreude auf das, was da kommen mag! Es geht mir gut. Weil ich für das einstehe, was ich liebe und immer lieben werde: das Schreiben aus Leidenschaft.

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Ganz Paris träumt von der Liebe

Es gibt Auftragsarbeiten, die wirklich Spaß machen. Dieser Auftrag ist so einer gewesen: ein kurzes, literarisches Porträt über einen Sommer in Paris, über Liebe, Leichtigkeit und Vorhersagungen. Da ich nicht auf die Belegexemplare warten wollte, habe ich mir das Magazin heute an einem Kiosk im Ku’damm Karree gekauft. Weder bin ich gewollte Zielgruppe der Zeitschrift noch der umliegenden Geschäfte. Nichts passte zusammen – und somit alles. Der Kauf war ein ambivalentes Vergnügen. :)

Wer also einmal etwas Gedrucktes von mir in Händen halten möchte, kann in der Juli-Ausgabe der Zukunftsblick gleich zwei Artikel von mir lesen. Um den zweiten Artikel zu finden, muss man mich allerdings kennen …

 

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Zwischen Bierflaschen das Leben

Während fast überall Fernseher in den Straßen stehen und König Fußball seine Untertanen in die Cafés und Bars lockt, bleibt der Boxhagener Platz angenehm zeitlos. Als wäre dies eine Zone unberührt von Brot und Spielen, unvergiftet trotz einer gutbürgerlich wirkenden Mittelschicht, die mit Smoothies, Eis und Kleinkindern in der Mitte des verdorrten Rasens weilt.

Die heimlichen Wächter über diesen Raum aber, sitzen unter alten Bäumen in dem umzäunten Gürtel aus Holzbänken, der den Boxi umschließt. Die Punk-Lady mit den verfilzten Haaren hat die Arme weit über die Lehne der Bank gestreckt, auf der sie sitzt. Mit inbrünstiger Stimme krächzt sie dem hereinbrechenden Abend ihre Ansichten entgegen. Über die Ränder ihrer Lederweste lappt die Haut, ungezügelt, unverdeckt. Die Nieten glänzen in der sinkenden Sonne. Eine Bank weiter liegt ein struppiger Hund und wartet darauf, dass sein Herrchen seinen Rausch ausgeschlafen hat. Seine Augen flitzen unter buschigen Augenbrauen unruhig von links nach rechts. Zwei Bänke weiter wird gestritten, ein Joint geht rum, ein nächster wird gedreht.

Die Gesichter sind mir vertraut. Ich mag sie. Aus der Ferne. Und bin ihnen dadurch nahe. Ihre Existenzen situieren sich jenseits des Üblichen und Einordenbaren, ihre Geschichten bestimmen ihre Richtung. Der Bezirk sähe sie gern woanders. Ich habe sie gern hier. In einer Welt, die voller und voller wird, die durchsichtiger wird und darin gefährliche Unüberschaubarkeit birgt, sind sie das notwendige Gegengewicht. Sie mögen laut sein, keinen Anstand kennen und auf Manieren scheißen. Vielleicht sind sie rau und riechen streng und dienen vielen als Legitimation für den Erhalt gewisser Vorurteile. Ja, sie trinken viel, ihr Bewusstsein ist betäubt und ich würde ihnen sicher nicht mein Leben anvertrauen. Und trotzdem sehe ich ihnen mehr Menschlichkeit als in manch anderem Friedrichshainer an diesem Abend.

Ein Mundharmonikaspieler setzt an. Klagende Töne zu obszönen Worten. Lautes, ungehemmtes Lachen. Ich atme ein. Die Faszination dieser Menschen vom Boxi ist so wenig greifbar, wie die Luft, die meinen Körper umspielt.

Was ist das für ein gleichgearteter Wind, der durch die Straßen zieht? Wer hat Mut und Aufrichtigkeit in die Seitenstraßen gefegt und den Menschen die helfenden Hände abgehackt? Welcher Sand brennt in den Augen derer, die wegschauen?

Der Musiker lächelt mir zu. Ich ahne die Kunst, die er und seine Gefährten beherrschen. Ihre Zeit ist ungezählt. Sie sind. Jetzt. Und dadurch weniger manipulierbar. Manche kenne ich mit Namen. Aber kann das reichen?

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Schreiborte

Nicht jeder ist bei Facebook. Und das ist gut so. Wer meiner Facebook-Seite einen Besuch abstatten möchte, braucht zum Glück kein eigenes Profil zu haben – die Seite ist ja öffentlich. Einfach auf den „F“-Button rechts klicken.
Dennoch geht einiges von dem, was sich so schnell und einfach dort teilen lässt, für den Blog und die Ewigkeit verloren – ich glaube nicht daran, dass Facebook ewig währt (und manchmal liegen „glauben“ und „hoffen“ eng beieinander). Und ob ich nun richtig glaube oder falsch hoffe – passend zu diesem Gedanken fand ich heute heraus, wie ich die Facebook-Posts auch in mein Blog integrieren kann. Genießt den Abend!

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Wie viel Chamäleon erträgt ein Leben?

Es gibt Dinge, die machen den Zauber eines morgendlichen schwarzen Kaffees noch verführerischer: das Rascheln einer Zeitung, die Abwesenheit von Zeit, alte Lieder oder klassische Virtuositäten, ein Stapel ungelesener Bücher, der Blick in liebende Augen, ein Pyjama und das Wissen, ihn den ganzen Tag nicht ausziehen zu müssen oder ein verregneter Tag vor ungeputzten Fenstern. Kaffee habe ich. Alte Lieder auch. Alles andere fehlt. Ach, so. Der Stapel ungelesener Bücher – er ist schon so vertraut, dass ich ihn gar nicht mehr bemerke. Ein Chamäleon im Kampf der Prioritäten.

Und dann wären da die Dinge, mit denen sich jegliche Magie eines Kaffee-Rituals zerstören lässt. Für mich sind das unter anderem Honorar-Aufträge, die ich nicht mag. Brotjobs, die ich erledigen muss, damit ich mir guten Kaffee überhaupt kaufen kann. Denn Kaffee hat eine Bedeutung. Und ich will, dass das so bleibt.

Die letzten Minuten habe ich mir gegönnt. Kaffee. Zielloses Sinnieren. Doch der Schmerz des Erkennens bleibt: Wichtigkeiten von Dringlichkeiten zu unterscheiden ist eine Lebensaufgabe. In meinen Fingern kribbelt es, Raum und Zeit umspielen mich mit der Forschheit eines flutenden Meeres. Ich will meinen Roman fertig kriegen, den Blog randvoll füllen, mich in Worten verlieren und den alten Liedern ihre immer gleichen Versprechen glauben.

Aber der Maßstab ist unbarmherzig. Geld verdienen, unabhängig sein. Und bleiben. Wie wird man den Facetten des eigenen Seins gerecht? Wie den kostbaren Momenten des Lebens? Disziplin und Routine, ein strukturierter Tag, geregelte Abläufe – ja, ich kenne die Schlüssel zur erfolgreichen Freiberuflichkeit. Die Liste ist lang und vielfach bewährt. Doch ich scheitere bereits an dem Wort „erfolgreich“.

Seit einigen Jahren lebe ich unter dem Existenzminimum. Aber ich bin immer frei gewesen. Ich habe meinen Traum gelebt, mich vom Schreiben zu ernähren, frei über meine Zeit zu verfügen, Geschichten zu schreiben, für die ich nicht bezahlt werde und meinem Instinkt zu folgen. Und trotzdem guten Kaffee zu trinken :) Ist das nicht die höchste Definition von Erfolg, die es geben kann? Was interessieren mich materielle Sicherheit, Luxus, Klamotten und Statussymbole? Was können sie mir geben, das ich nicht in der eigenen, inneren Vielfalt finde? Materialismus betäubt mich. Erst wenn es am Hintern zieht, weiß ich, dass ich eine neue Hose brauche.

Und doch stehe ich an einem Scheideweg. Wenn ich genügsam bin und dennoch nicht zum Schreiben komme, mein Blog leer bleibt und ich mich von meinem eigenen Protagonisten entferne, dann läuft etwas gewaltig falsch. Es ist die ewig traurige Lektion, dass Leidenschaft der beste Nährboden für Ausbeutung ist. Sich in kapitalistischen Strukturen frei bewegen zu wollen, ist ein gewagtes Unterfangen – und bleibt in letzter Instanz ein Widerspruch. Es liegt an mir, was ich daraus mache. Es liegt an mir, das Wort „Priorität“ mit Sinn zu füllen. Ich werde noch einmal in den Spiegel schauen müssen und mich fragen: Wie viel Chamäleon erträgt mein Leben?

 

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Meine erste Mikrogeschichte

Wer nun erwartet, dass ich heute – wie versprochen – verrate, wo ich letzte Woche in das „ergraute und faltige Antlitz der Zeit“ blickte, den muss ich leider enttäuschen. Ich war bis eben mit zwei Text-Aufträgen beschäftigt, die es mir ermöglichen, endlich auch mit dem literarischen Schreiben Geld zu verdienen. Die Geschichte über das Erwachen aus der Passivität braucht ein paar Zeilen mehr – vor allem aber einen frischen Geist.

Doch Zeitknappheit und Erschöpfung haben auch etwas Gutes, denn mein Wille wieder in meinen Wochenrhythmus einzusteigen, führt nun dazu, dass ich heute eine neue Form der Literatur ausprobieren werde: die Mikrogeschichte. Erstmals hörte ich durch den „Verlag für Kurzes“ davon. Laut deren Internetseite sind Mikrogeschichten „(…) sehr kurze Geschichten, die aus nur wenigen Sätzen bestehen, manchmal sogar nur aus einem Satz.“

Ganz einfach also. 😉 Bei einer befreundeten Autorin las ich etwas von zwei Minuten. Und genau das mache ich jetzt: Meine Uhr stellen und schauen, was dabei herauskommt. Unzensiert die Worte fließen lassen. Sie sich selbst erzählen lassen. Das wird doch auch endlich mal ganz dem experimentellen Teil dieses Blogs gerecht, der bisher etwas zu kurz kam. Auf geht’s:

[… zwei Minuten später …]

Voilà! Hier ist sie also – meine erste Mikrogeschichte:

Sie  hielt die Lippen zusammengepresst. Kein Wort durchdrang die Stille. An der Wand tickte eine Uhr. Als sie aufblickte, war die Zigarette in ihrer Hand erloschen. Sie atmete auf. Auf manche Dinge war Verlass.

 

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Die Abwesenheit von Zeit

Vier Wochen sind seit meinem letzten Eintrag vergangen. Sie sind verflogen, aber nicht verloren. Der Blog und die Facebook-Seite mögen den Eindruck erwecken, als wäre nichts passiert, als hätte kein Wort den Weg in einen Kontext gefunden, als stockten die Geschichten und das Leben würde stagnieren.

Doch Geschichte stockt nicht. Das Leben schreibt sich, ob man will oder nicht. Denn alles, was aus einem Kopf kommt, muss ja vorher irgendwie hinein. So gibt es Phasen des produktiven und aktiven Schreibens und Phasen des passiven Schreibens. In den letzten vier Wochen habe ich aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Ich habe geschaut, die Dinge in ihrem Lauf beobachtet, sortiert im Innen und im Außen, Weichen gestellt und mein Brot verdient. Und ich habe gelesen. John Irving. Dieser Sog seiner Bücher, dieser unfassbare erzählerische Sprung durch ein ganzes Leben, wie ein Film, facettenreich, leichtfüßig und unfassbar tragisch und traurig. Wenn ich Schriftsteller wie Irving lese, fällt es mir schwer, selbst zu schreiben. Ich bin erstaunt und fassungslos und versuche in stummer und irrationaler Weise von ihm zu lernen. Diese Fülle, diese Gewaltigkeit – unglaublich. Er lässt mich erzittern und zweifeln. Wie könnte ich in solchen Momenten auch nur ein Wort zu Papier bringen?

Und so sind Tage und Wochen vergangen, und erst der Anblick in das ergraute und faltige Antlitz der Zeit machte mir heute bewusst, dass es ihre Abwesenheit ist, die sie spürbar werden lässt: 107 gelebte Jahre und ein altes Gemäuer weckten mich aus meiner Passivität. Doch davon berichte ich im nächsten Blog-Artikel. 😉

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Im Takt zum Echo schöner Zeiten

Die Sonne beendet ihren Lauf. Vor meinem Fenster legt sich Dunkelheit über die Welt. Doch innen nährt die Helligkeit das Leben. Flackernde Konturen eines Whiskyglases im Kerzenschein. Raufasertapete, für die es längst andere Pläne gibt. Teller, die leergegessen diesen Moment umrahmen. Und den Letzten. Auf den Gabeln noch Krümel, als hätte sie gerade erst jemand niedergelegt. Der Atem der Trinkenden noch am Rand der Gläser. Die Stimmen noch nicht verklungen, leiser werdend. Wispernd. Liebevoll. Ich esse das letzte Stück Kuchen, kratze die Reste der Avocadocrème aus der Schüssel, veredle alles mit Whisky. Drei Tage Leben. Nein, ich möchte noch nicht aufräumen. Ich möchte es mir genau einprägen, dieses Stillleben, das von diesen Momenten geblieben ist. Ich schleiche durch die Wohnung, vorsichtig, um nichts zu verändern. Leise, um nicht gehört zu werden. Von niemandem. Ich beobachte, sehe, erinnere mich. Die kleinen Unebenheiten meiner Wohnung; entrückt, verrückt, so anders, dass sie auffallen – Zeugnis von Anwesenheit. Der verdrehte Teppich vor meinem Bett, benutzte Hausschuhe, eine von der Schulter gestreifte Wolldecke, der Badläufer über dem Wannenrand, das Küchenhandtuch über dem Griff des Ofens. Verrückte Stühle. Die Gardine zu weit nach rechts gezogen. Die kleine Koala-Nagelbürste von Kinderhand benutzt. Die Garderobe leer. Das Feuerzeug am falschen Platz. Und immer wieder leere Gläser, leere Teller. Die Tulpen im Strauß haben ihre Blüten gespreizt. Zeugnis von Liebe und Aufmerksamkeit. Sie tanken Wärme, obwohl die Dunkelheit vor meinem Fenster inzwischen undurchdringbar ist. Doch innen nährt sich Helligkeit aus Leben.

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Die Phantasie des Möglichen

Fast vier Monate habe ich ihn nicht gesehen. Bei unserer letzten Begegnung übergab er sich in einen Blumenkübel. Sein Blick war ins Leere geglitten, ungläubig das Gehörte in seinem Kopf wiederholend. Dann hatte er die Hand vor den Mund geschlagen und war davongerannt. Eine Etage höher erbrach er sich.

Obwohl er mir so vertraut war, bin ich ihm nicht nachgegangen. Ich ließ ihn allein mit seinem Schmerz und ging meiner Wege – bis jetzt. Ich habe nicht oft an ihn gedacht. Zu sehr war mir unsere gemeinsame Zeit unter die Haut gegangen, zu sehr hatte mich der Verrat verletzt, der auch ihn bei unserem letzten Treffen zu Boden gerungen hatte.

Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich unsere Wege wieder kreuzen würden. Am letzten Donnerstag war es dann so weit. Er saß im Bordbistro eines ICEs, die Haare geordnet, der Blick erschöpft. Er ließ sich Zeit mit dem Ausräumen der Spülmaschine, wischte über jeden Teller noch einmal mit einem Lappen, um Zeit zu gewinnen. Nur auf diese Weise konnte er sicherstellen, dass seine Kollegen nicht auf ihn warten würden. Erst, als der letzte seiner Kollegen den Zug verlassen hatte, warf er das Geschirrhandtuch hin, löschte die Oberbeleuchtung und setzte sich an einen der fünf Bistrotische, an denen noch kurz zuvor die Gäste gespeist hatten. Er zählte bis fünf, dann hielt er den Atem an.

Das war der Moment, als ich mich zu ihm gesellte. Er blickte nicht auf, gab mir kein Zeichen des Erkennens. Und auf eine geheimnisvolle Weise schmerzte es mich. Aber er ließ mich teilhaben an den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, als er das Atmen wieder aufnahm – wie nach jedem seiner Arbeitstage. Er brauche seine Augen nicht mehr zu schließen, um sie sich zurück ins Gedächtnis zu rufen, sagte er und seine Stimme war leise, kaum hörbar neben dem leisen Summen der Bistromaschinen. Ganz zu Anfang noch, vor neun oder zehn Jahren, kurz, nachdem er seine Umschulung beendet hatte, sei es ihm nur unter Anstrengung gelungen, sich die Gesichter seiner Gäste vor sein inneres Auge zu rufen. Heute sei es umgekehrt und er habe beinahe Probleme, sie nachts wieder loszuwerden, wenn er sich am Abend in sein Bett lege. Nur in den fremden Laken eines Hotelzimmers wäre er verschont von ihrer Präsenz und ihren Leben.

An diesem Donnerstag war es eine alte Dame, die ihn nicht losließ. Sie war in Hannover zugestiegen, klein und gebeugt, mit einem silbrigen Haarknoten. Ihre wässrigen Augen zeugten von einem Durchhaltevermögen, das ihn eingeschüchtert hatte. War es die schwarze Umrandung ihrer hellen Augen gewesen, deren Kontrast ihre körperliche Gebrechlichkeit Lügen strafte?
„Kaffee, bitte. Schwarz und ohne Kindereien“, hatte sie gesagt. Jedes ihrer Worte eine Botschaft für sich. Fragen blieben nicht. Als er sich abgewendet hatte, um ihrem Wunsch nachzukommen, hatte sie ihm ein dürres Beinchen in den Weg geschoben. In ihrer wohl lieblichsten Stimme sagte sie: „Und bitte schnell. Ich bin 92.“ Er hatte gelächelt, es ging einfach nicht anders.
„Sie werden mir wohl nicht hier Ihren Abgang planen.“
„Weiß man’s?“ Sie hatte ihm zugezwinkert, dann laut und mit kratziger Stimme geflüstert: „Und Kaffee hätte ich schon gern noch vorher.“
Er hatte sich beeilt, erzählte er mir, ihre Bestellung vor dem Mandelkuchen des Koreaners und der Tagessuppe für die erste Klasse bearbeitet. Denn es ist dieser zeitliche Spielraum seiner Arbeit, den er gern und oft auskostet. Nicht die Chronologie ihres Eingangs ist ausschlaggebend für eine Bestellung, sondern die Dringlichkeit, mit der sie vorgetragen worden war. Ein Kaffee, bevor man das Zeitliche segnete – was konnte größere Priorität haben?

An dieser Stelle hatte ich mich lächelnd abgewandt, war den langen Gang durch den dunklen ICE gegangen und hatte mich an ein Fenster gestellt. Keine Frage, Yann hatte mich sofort wieder in seinen Bann gezogen. Er war ein Protagonist mit Potential. Seine kleine Geschichte, die Gesten und der gehetzte Blick, der wie ein Schatten sein Gesicht verdunkelt, erinnerten mich daran, warum ich vor vier Monaten gerade ihn auserwählt hatte. Ich sah aus dem Fenster auf das in Dunkelheit gebettete Lichtermeer von Frankfurts Skyline. Im letzten Oktober war ich anlässlich der Buchmesse zum ersten Mal in Frankfurt gewesen. Es hat mich nicht sehr beeindruckt – um ehrlich zu sein, hat es eigentlich gar keinen Eindruck hinterlassen. Und trotzdem habe ich mich entschieden, den größten Teil meines neuen Romans dort spielen zu lassen. Aus einem Grund, den ich nicht kenne. Genauso wenig, wie ich wusste, warum der Roman überwiegend in Zügen spielt oder warum Yann diese Minuten nach Feierabend in einem leeren Zug verbringt. All‘ das hat erst mit jeder weiteren Seite, die ich schrieb, einen Sinn ergeben. In dem Moment aber, als er von dem alten Mütterchen erzählt, auf Seite 4, da wusste ich das alles noch nicht, weil es kein Konzept gab. Und nie geben wird. Und ich weiß auch bis heute nicht, ob Yann überhaupt die Möglichkeit hat, in einem verlassenen Zug zu sitzen, ob es Spülmaschinen in Bistros gibt oder mit der Hand abgewaschen wird. Ich weiß nicht, ob – und wenn ja, wie oft – die Mitarbeiter in Hotels übernachten, wenn ihre Route am anderen Ende von Deutschland endet. Das ist das Risiko der Art, wie ich schreibe. Ich schreibe und alles ist möglich. Viele Worte sind Platzhalter meiner Phantasie, Worte, die ich später in intensiver Recherchearbeit verifiziere oder aber markiere, um sie zu ändern. Weil die Phantasie mit mir durchgegangen ist – oder weil ich es mir zu einfach gemacht habe. Ich liebe diese Reise durch Möglichkeit und Unmöglichkeit meines Geschriebenen. Wie viele interessante Menschen habe ich auf diese Weise kennengelernt: Tierärzte, Weinhändler, Zirkusartisten und Tiertrainer, Springreiter, Polizisten und Psychologen. Mit manchen habe ich heute noch Kontakt – sie sind gute Bekannte geworden. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben: der Anwalt, den ich anlässlich des letzten Romans kontaktiert hatte. Er war sehr engagiert, hat geduldig meine Fragen über sich ergehen lassen und irgendwie hat es ihn belustigt, als ich ihm schrieb: „Wie viele Drogen müssen bei xy gefunden werden, damit er drei Jahre und vier Monate Knast bekommt? Welche Drogen muss er haben? Reicht Cannabis oder müssen wir ihm noch etwas Härteres unterjubeln?“ Er lud mich zu einem Prozess ein, bei dem er einen jungen Mann verteidigte, auf den xys Fall passte.
Einer ehemaligen Kommilitonin und Weinkennerin schrieb ich vage Dinge wie: „Ich brauche einen deutschen Wein, der mehr verspricht als er hält.“ Oder auch: „Hier braucht es einen Wein, auf den in etwa die Beschreibung zutrifft, dass es ein guter Wein ist, mit dem sich der ‚unwissende Mittelstand‘ schmückt, um nicht unpassend aufzutreten, aber um dennoch zu zeigen, dass er Stil hat.“ Ich weiß bis heute nicht, wie sie es hingekriegt hat, mir exakt die Weinsorten herauszusuchen, die ich brauchte, aber diese vier Seiten in dem Roman gehören noch immer zu denen, die ich am liebsten lese.

Ohne diese Menschen würde ein wichtiger Teil meiner Arbeit fehlen. Vielleicht ist es dieser Teil nach dem Schreiben, der alles so greifbar und real macht, dass ich imstande bin, mich langsam von einer Geschichte zu lösen. Ein seichter Übergang, der den Abschiedsschmerz mehr süß als bitter schmecken lässt. Ich weiß es nicht. Aber genau das liebe ich ja – nicht zu wissen, und am Ende zu sehen, dass alles einen Sinn ergibt.

Und auch jetzt bin ich wieder voller Vorfreude auf die Bistromitarbeiter, Lokführer und Hotelangestellten, die ich ausquetschen muss über die Feinheiten ihrer Arbeit, auf die Stunden, die ich Bahn fahren und die Wege, die ich gehen werde, um Details von Räumen und Orten zu entdecken. Und all‘ das in Begleitung von Yann, der nach vier Monaten nun wieder in meinem Leben ist. Auch ein Wiedersehen mit Marla hat es schon gegeben. Kurz nur, unbedeutend scheinend, auch wenn es alles andere als das ist. Seite 10, glaube ich. Ich mag sie, die Zeit der Überarbeitung, wenn das eigentlich Vertraute sich so neu anfühlt. #NaNoWriMo, Teil 2.

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Fundstück: Versöhnung in Ostwestfalen

(Versöhnung ist ein großes Wort, das mir immer schien wie etwas, das sich nicht in Aktivität erzeugen lässt, sondern aus Passivität erwachsen muss – mit der Zeit. Und heute fand ich dazu ein Beispiel aus meinem Leben. Ich entdeckte das heutige Fundstück in einem vergessenen Dokument aus einer Zeit, als ich mich exzessiv in Cafés tummelte, um die Symbiose von Ort und Moment einzufangen.
Dieser kleine Text dokumentiert die unerwartet verlaufende Begegnung mit der Stadt Paderborn, zweieinhalb Jahre, nachdem ich diesen Ort meiner Studienzeit fluchtartig über Nacht verlassen hatte („Morgen ziehe ich nach Berlin.“). Lange kehrte ich nicht einmal zu Besuch zurück, froh, Paderborn zu einem Teil meiner Vergangenheit zählen zu können. Doch eines Tages war es dann doch so weit. Und ich war ehrlich überrascht …)

Die Sonntagsstimmung an diesem Donnerstag ist wie das ungewollte Aquarell zwischen Herbst und Winter, dem Übergang von kalt zu noch kälter und dem Wind schwerer Erinnerungen, der mich mit einer alten Liebe in ein kleines Café bläst. Ein konservativ erscheinendes Café mit rotbezogenen Stühlen, sich hartnäckig haltend in einer Symbiose vieler Zeiten, traditionell und doch auf Alternatives bestehend. Süß. Dieses Wort passt. Und ehrlich bemüht. Café Röhren.

Ich mag es hier. Es tröstet mich, vertröstet mich in einer Phase des Wartens. Warten darauf, diesen Ort wieder zu verlassen, in ein paar Stunden mit einem Zug – zu einer neuen Liebe. Etwas das mich spaltet und gleichzeitig antreibt. Nicht die Liebe zu einem Mann ist der spaltende Aspekt, sondern die Liebe zu den Erinnerungen an Paderborn. Die Erinnerungen vieler Jahre an diesem Ort, emotional immer wankend an der Grenze zum Hass. Diese Stadt hat mich fast verschlungen, um mich schließlich auszuspeien, völlig entkräftet auf einem durchweichten Fundament zurückzulassen und mich mit einem Neuanfang zu konfrontieren, dem ich nicht gewachsen schien, aber der längst überfällig gewesen war. Und ich bin gegangen – man muss sagen geflüchtet – und war gewillt, so schnell keinen Fuß mehr auf ostwestfälischen Boden zu setzen.

Paderborn, für mich immer das Sinnbild für die Destruktivität von Stillstand und konservativen Strukturen, für ein Grau, das mir in meiner Zeit hier stets schien, als trüge es mehr schwarze als weiße Nuancen in sich. Paderborn, das mich jetzt im Schein eines neuen Lichts überrumpelt. Meines neuen Lichts. Nein, Orte sind nicht. Kein Ort ist. Orte sind nur, was wir in ihnen sehen. Das Karma von Orten entsteht dann, wenn wir sie mit etwas besetzen. Mit einer Erwartung, einer Hoffnung, einer Erinnerung. Sie verändern sich mit uns, auch wenn wir fernab von ihnen weiterwandeln, nur unsere Erinnerungen daran bleiben gleich, und so finden wir uns wieder in einem Moment der Überraschung, wenn wir ihnen mit den alten Bildern gegenübertreten. Paderborn. Ich hätte nie gedacht, dass es gerade das Moment des Stillstands ist, das ich hier eines Tages lieben könnte. Dass die Klingeln an meinem Haus – bis auf eine – noch immer dieselben Namen tragen, dass mein alter Nachbar noch immer dasselbe Auto mit demselben Nummernschild fährt und hinter der Glastür des Frisörs in der Seitenstraße noch immer der etwas zu dicke Golden Retriever auf dem Treppenabsatz schläft. Dass es noch immer „Ansgar’s Eck“ gibt, mit Thomas, seinen Brüdern und seiner Familie, die mir wie alte Freunde sind und die mich auch genauso behandeln: „Den Tomatensalat immer noch mit Joghurtdressing, Eva?“ (Nein, inzwischen lebe ich vegan, aber das sage ich nicht, weil ich so gerührt bin und diese Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht zerschlagen möchte). Und die alte Bekannte, die ich in diesem kleinen, konservativen Café treffe, eine besondere Frau mit durchdringender Herzlichkeit und pulsierendem Temperament, die mir immer und immer wieder begegnet, auch wenn wir nie Kontakt halten.

Es ist wie das Blättern in einem alten Fotoalbum, aber realer, greifbarer. Ich kann mich daran erfreuen an dem Stillstand, kann kurz in ihm und meiner alten Erinnerung, die nun eine neue wird, verweilen. Es ist wie Luft holen, einmal tief durchatmen und die Luft halten. Nein. Paderborn ist nicht per se ein schlechter Ort gewesen. Es war mein Innen, das nicht in dieses Außen passte. In einer Spanne meines Lebens. Und ich bestelle noch einen Kaffee, etwas zutiefst Kulturelles mit dem Potential auf Trost – und dieses Mal bestelle ich den Kaffee in Paderborn nicht mit der Hoffnung darauf, dass er mich über einen schalen Moment rettet, sondern mit der freudigen Neugier auf etwas, das einfach ist, wie es ist und sich erst unter meinem eigenen Blick in Bedeutung manifestiert.

Und als die heiße Flüssigkeit meine Kehle hinabläuft, spüre ich zum ersten Mal auch physisch, was es heißt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

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Orte wie dieser

Um mich herum ist es dunkel. Nur am Ende des Raumes zeichnet sich das dunkelblaue Rechteck des Himmels im Rahmen des Fensters ab. Es ist eisig draußen und doch habe ich das Fenster einen Spalt geöffnet und die kalte Luft zieht herein und kühlt meine Nasenspitze. Zu lange habe ich es nicht gehört, als dass ich jetzt, in meiner ersten Nacht, darauf verzichten könnte – das Rauschen des Atlantiks, dessen Brandung ungebändigt an der Insel zerrt. In den vergangenen Wochen haben Stürme aus Island und England große Wellen an die französische Atlantikküste getrieben. Die Südspitze hat mehrere Meter gelassen, ganze Waldteile in Maumusson wurden überschwemmt, Teile, die in anderen Jahren unter wochenlanger Trockenheit zerstarben – Dürre, die für enorme Waldbrandgefahr sorgte.

Kaum zwei Stunden ist es her, dass wir auf die Brücke fuhren, die sich blau beleuchtet durch das Dunkel der Nacht vom Festland zur Insel schlängelt, über den wattigen Grund des Atlantiks, der sich zur Ebbezeit zurückgezogen hat, bis zum unteren, östlichen Teil der Insel. Es war weit nach Mitternacht, mein Begleiter schlief seit eineinhalb Stunden, den Kopf in den Nacken gekippt, den Mund weit geöffnet, unfähig, mir noch beizustehen auf unserem Weg durch die Nacht. Jedes Mal sind es die letzten zweihundert Kilometer, die uns den Verstand rauben. „Ich habe schon wieder vergessen, wie schrecklich dieses letzte Stück ist“, sagte er, bevor er in einen seichten Schlaf glitt. Ja, es gab Jahre, da haben wir uns nach fast dreizehn Stunden Autofahrt auf den letzten Metern alle zwanzig Minuten mit dem Fahren abgewechselt, ankämpfend gegen den übermächtigen Schlaf, der sich unserer Körper mehr und mehr bemächtigte, bis er auch die letzten Fingerspitzen gelähmt hatte. In einem Jahr mussten wir kurz vor dem Ziel am Rand der Landstraße ein Stündchen schlafen. Zusammengesackt hatten wir zwischen dem leergegessenen Proviantkorb gesessen, den Wasserflaschen, Papp-Packungen und Haushaltstüchern mit Apfelkernen und Bananenschalen, auf dem Schoß die leblosen Hüllen unserer Schlafhörnchen, aus denen die Luft gewichen war, das Kinn auf der Brust, die Beine angewinkelt. Der Weg ins Paradies ist weit.

In diesem Jahr war es anders. Als die Wachsamkeit meinen Begleiter verließ, übernahm ich das Steuer. Ich schob den Fahrersitz nach vorn, stellte die Spiegel ein und löschte die Deckenbeleuchtung. Nur das Display und ich, die Kegel der Scheinwerfer, die sich durch die Dunkelheit schoben, zielgerichtet das Dunkel teilten und mir die Weite leerer, französischer Straßen offenbarten. Etwas hielt mich wach, ein unerbittlicher Sog trieb mich über die A10 bis zur Ausfahrt 35 – Ile d’Oléron. Ich stellte das Radio an und Chérie FM, Nostalgie und Alouette wechselten sich dabei ab, den kleinen Raum, der für diese Minuten meine Welt war, mit Liedern zu füllen. Ich sang laut mit. Wir fuhren durch französische Dörfer, die wie ausgestorben waren. Graue Fassaden, an denen der Ruß der durchfahrenden Autos haftete, die Fensterläden der Häuser geschlossen, die Malven, die uns sonst zur Begrüßung winken, sind noch nicht gewachsen. Es ist Februar.

Als ich auf die Brücke fuhr, stieß ich einen kleinen Freudenschrei aus. Mein Beifahrer schlief weiter. „Hmm“, sagt er. Aber ich plapperte munter vor mich hin, öffnete die beiden vorderen Fenster und sog begierig die frische Meeresluft ein. Es tat gut, so gut, wieder zu Hause zu sein. Ich werde zum Meer fahren, sagte ich mir. Jetzt. Fahre ich über Vertbois und schnuppere noch ein wenig an den Pinien und Kiefern oder wähle ich den altvertrauten Weg über Dolus, die lange, vertraute Strandstraße hinunter bis Rémigeasse?
„Ist es schlimm, wenn ich schnell noch ans Meer fahre?“, fragte ich laut.
„Warum fragst du mich überhaupt“, murmelte er. „Du tust es doch sowieso.“ Seine Stimme war liebevoll tadelnd, ich hörte ihn im Dunkeln lächeln und hatte keine Antwort.

Es ist jedes Mal ein magischer Moment, wenn nach all‘ den Kilometern, dem Vorantasten von Mautstation zu Mautstation, schließlich der Motor erlischt und sich vor uns die Imposanz des atlantischen Ozeans auftut und sein Getose durch die geschlossenen Türen bis in unsere müden Ohren dringt. Spätestens dann ist auch der erschöpfteste Begleiter wieder wach. Wir stiegen aus und tauchten ein in die Magie der Insel. Das Meer war schwarz, wild und unruhig. Hin und wieder blitzte eine Schaumkrone im Dunkeln auf, die weißen Kalksteine zeichneten die Begrenzung der Insel, das Salzwasser leckte an seinen Rändern.

Es fällt mir immer schwer, mich von diesem Moment des Ankommens loszureißen. Wenn ich dort an der Küste stehe, das vertraute Meer vor mir, meine Gedanken bis nach New York erweiternd, dann tut sich in meinem Inneren die Gesamtheit meiner Jahre hier auf. Reihe ich meine Zeit hier aneinander, so gehören dieser Insel fast vier Jahre meines Lebens – Jahre, die zu den glücklichsten und prägendsten in meinem kurzen Leben gehören. Jahre, in denen ich das Leben gelernt habe, wie zu keiner anderen Zeit. Nirgends auf dieser Welt fühle ich mich so geborgen, sicher und zu Hause, wie hier. Nirgends bin ich mir selbst näher, nirgends unbesiegbarer. Die Vorstellung, diese Quelle der Kraft eines Tages zu verlieren, gleicht der Überlegung, sich selbst die Wurzeln zu kappen und mit verstümmelten Beinen durch eine ungewisse Zukunft zu humpeln.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal hier war. Jedes Jahr, in dem ich mich nicht in unser schwarz-rotes Gästebuch eintragen konnte, erscheint mir wie ein kleiner schwarzer Fleck in meiner Biografie. Bisher sind es nur zwei Jahre – 2008 und 2013. 2008 fehlte die Kraft, 2013 die Begleitung. In beiden Jahren packte mich kurz vor Silvester die fixe Idee, schnell noch auf die Insel zu fahren, mit der Hand die kalkigen Mauern zu begrüßen, den modrigen Geruch der Eingangshalle einzuatmen, einen Pineau auf den schwarzen Steinen am Meer zu trinken, das neue Jahr zu begrüßen und wieder abzureisen. Natürlich nicht, ohne vorher jede Tür im Haus einmal zu öffnen, durch jeden Raum zu gehen, jeden Fenstergriff einmal zu berühren, in den großen, gelben Schrank zu schauen, dessen Schiebetüren dem Donnergrollen am Horizont gleichen und zum Ende des Gartens zu gehen, mich umzudrehen und voll ungläubiger Freude auf das große Haus mit den Kassettenfenstern zu schauen. Je länger ich dann stehenbleibe und schaue, umso präsenter werden die Jahre, die an diesem Ort ihre Spuren hinterlassen haben. Ich sehe meinen Bruder und mich, wie wir als Kinder die Schätze eines Strandtages auf den Mauern neben dem Steintisch ausbreiteten und an unsere geduldige Familie verkauften. 5 Centimes kostete eine Schnecke, eine farbige Muschel sogar 10. In mühevoller Kleinarbeit bastelten wir Preisschilder und priesen lauthals unsere Ware an. Ich sehe meine geliebte Großmutter mit ausgeblichenem Strohhut auf den Knien durch den Garten rutschen und zu ihren Blumen sprechen, Unkraut jäten und die Langsamkeit zelebrieren. Gehe ich näher und schaue durch das Fenster in der Tür, sehe ich uns in Teenagerjahren, meine Mutter, Tante, Cousin, Freunde – eine große Gruppe bunt durcheinander gewürfelter Menschen. Ich höre dumpf ihr fröhliches Gelächter, heiße Diskussionen, Streitereien. Sie spielen, essen, lauschen im Radio den Wahlen in Deutschland oder lesen. Sie sind sorglos, sind beieinander, miteinander, arrangieren sich. Leben.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Gruppen sind kleiner geworden, die Menschen individueller. Die Zeiten sind nicht weniger glücklich. Aber leiser. Meine Großmutter lebt nicht mehr, aber ihr Geist schwebt weiter durch das Haus. Und in diesen Tagen habe ich manchmal das Gefühl, dass sie kritisch die Lippen schürzt.

Erst früh am Morgen, als bereits ein schmaler Streifen Helligkeit über der Insel aufsteigt, schäle ich mich aus meinem warmen Kokon, den ich mir aus Wolldecken gebaut habe, und schließe das Fenster. Die Luft im Raum ist eisig, meine Glieder sind steifgefroren. Ich spüre meine Nasenspitze nicht mehr, aber ich bin glücklich. Draußen regnet und stürmt es. Die Fensterläden klappern und die Unruhe durchströmt meinen Körper. Hoffnungsvoll suche ich den Himmel nach Blitzen ab, aber das Grau hängt bewegungslos am Himmel. Zu viel Regen über dem Paradies.

 

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Aspekte einer Existenz

(Diesen Text habe ich im vergangenen Jahr geschrieben, inspiriert von Brigitte Reimann, deren Tagebücher mich fasziniert, bewegt und beflügelt haben. Sie stellte sich der Zerrissenheit zwischen Sein und Nicht-Sein, blickte der Verantwortung ins Auge, die das Leben als Schriftstellerin in der DDR von ihr forderte.)

Die Uhr zeigt weit nach Mitternacht. Zweifel und Orientierungslosigkeit treiben mich durch Stunden ohne Worte. Ein Gefühl, als säße man schweigend unter einer Trauerweide, geschützt vor Sonne, Regen und Wind, in der Hand einen glimmenden Zigarettenstängel und ein Glas Whisky. Ich beobachte. Und suche.

Sie halten mich für exzentrisch. Sprunghaft. Rücksichtslos. Ganz auf mich selbst fokussiert, überginge ich die wahren Bedürfnisse einer Gesellschaft, würde gefangen in meinem Egoismus und meiner kranken Ichbezogenheit leben. Ich benähme mich zügellos und trüge mit gelebter Hemmungslosigkeit zum Verfall der Werte bei. So hörte ich es.

Es trifft mich nicht. Ich frage mich nur, ob sie recht haben. Auch, wenn sie mich an den Pranger stellen, vom Sockel gesellschaftlicher Moral herab und im Namen von Sitte und Anstand argumentieren. Denn sind nicht sie es – die am lautesten schreien –, die sich spätabends unter der Bettdecke an unseren Werken ergötzen? Sind nicht sie es, denen es nicht laut genug, anrüchig und verwerflich genug sein kann? Die sich über mich und andere das Maul zerreißen, um nicht an der Langeweile zu ersticken wie ein Fisch ohne Wasser? Welch‘ ärmliche Doppelmoral. Als würde ihr Gott beschämt Halt machen vor der Tür des ehelichen Schlafzimmers. Als vergebe er die Sünden der Nacht, wenn am Tag nur laut genug gezetert wird. „Bloßer Anstand ist kein Ausweg, sondern bestenfalls ein Notausgang.“ Eine Flucht vor der eigenen Wahrhaftigkeit.

Und was ändert ihr Geschrei? Zudem sie irren. In keinem Moment mehr, als im Schreiben, löse ich mich von meinem egoistischen Selbst. Die verzweifelte Konzentration, das Ausblenden der Außenwelt, der schmerzhafte Rückzug in die Einsamkeit … nichts weiter als die Notwendigkeit, sich nach innen zu kehren, dorthin, wo es eben kein „Selbst“ gibt, auf das man die Welt beziehen kann. Denn das Selbst existiert doch stets nur in Wechselwirkung mit dem Außen. Mit ihnen. Der Akt des Schreibens löst mich auf, ich halte inne im Sein, für eine Weile, um das in Worte zu gebären, was ich zuvor sah, erlebte und ersehnte, was mich durchströmte, formte und berührte. Um das zu tun, was nötig ist, damit die Werte Bestand halten. Ihrer Zeit gemäß – nicht kompromisslos aus einem Gestern sich nährend.

Nicht ichbezogen, nein. Schreiben ist ein Akt der Selbst-Losigkeit. Das Selbst tritt zurück, lässt der inneren Stimme Vortritt, die nicht agieren muss nach Gefallen oder Erwartungen. „Die Geschichte muss gut sein, der Schriftsteller interessiert nicht.“

Und doch verstehe ich ihre Bedenken und ihre Befremdlichkeit. Ich spüre es ja selbst, wenn es wieder aus mir herausbricht, das Leben und der Überschwang der Gefühle. Dann erkenne auch ich mich nicht mehr. Vielleicht, weil wir Kennen und Erkennen zu häufig an seiner Kontrollierbarkeit messen, an der Wiederholbarkeit des Handelns, an etwas Vertrautem, an dem wir uns orientieren können. Und vor allem an der Abwesenheit von Ambivalenz und Inkonsequenz. Das sind dann die Momente, wo ich ihnen zunicke, und mich frage, ob sie vielleicht tatsächlich nicht so empfinden und „ob ich krank bin – ob nicht die Welt zum Tode verurteilt ist, sondern ich“. Denn in einem Moment trinke ich mit vollen Händen Leben. Und zerschelle im nächsten Moment an seinem Echo.

Ja, wir wünschen uns Verlässlichkeit. Und verstehen. Aber so ist das Leben nicht. So bin ich nicht. Und so sind auch sie nicht. Sie sind genauso verderbt und verloren wie ich. Aber sie haben sich unterworfen. Dem Anstand und der Sitte. Der Angst vor Verlust.

Ich trage unser beider Verantwortung.

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„Markierte“ Textstellen sind Original-Zitate aus: „Ich bedaure nichts: Tagebücher 1955 – 1963“ (Aufbau Taschenbuch, 2000).

Eingesandt als Skizze zum Schreibaufruf der Stadt Burg anlässlich des Brigitte-Reimann-Jahres 2013: »Reimann war eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Sie glaubte an eine große Sache und zweifelte an ihr. Ihren Zweifeln folgte meist Verzweiflung: an ihrem Talent, an ihren Arbeiten, an ihrer unbändigen Lust auf Leben. Sie wetteiferte mit Pitschmann. Bitterfelder Weg, Hoyerswerda, Arbeit in der Schwarzen Pumpe, Ankunftsliteratur. Die Arbeit, die Brigaden, der Parteiapparat. Die Menschen wollen nicht nur arbeiten, sie wollen wohnen, lieben, träumen. Die Reimann hat nichts zu verlieren außer sich selbst.« (Quelle: http://www.stadt-burg.de/cms/brigitte-reimann.html)


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Das Krähenkind

Die Krähe, sagt man, sei ein Symbol sowohl für das Leben als auch für den Tod. Ihr krächzender Schrei ist Träger einer wichtigen Botschaft. Als eine Art Schwellenwächter zwischen hell und dunkel, steht sie sinnbildlich als Bote für das Unbewusste. Die Krähe ist ein kluges und mutiges Tier. Wem sie im Traum erscheint, dem kann sie Seelenführer sein.

Und wem sie am Tage erscheint …?

 An einem Tag im letzten Sommer trieb ich mich in der Nähe des Ku’damms herum. Hier weht der Wind des Kapitalismus‘ seine ewig gleichen Lieder selbst in die kleinsten Nebenstraßen. Es war warm, aber nicht drückend, Menschen schlenderten gelassen durch eine kleine Parkanlage, hielten ihre Hände in künstliche Wasserbecken und lagen auf dem grünen, perfekt gestutzten Gras.
Ich kam von einem Termin und wann immer ich in der Gegend bin, sehe ich zu, dass ich sie auch so schnell wie möglich wieder verlasse. Ich gehe also nie in diese Parkanlage. Nie. Doch an diesem Tag brachte mich etwas dazu, die gewohnte Richtung zu ändern, über den kleinen Zaun zu steigen und mich auf eine verwitterte Bank unter eine stattliche Gruppe alter Bäume zu setzen. Mein Magen knurrte, ich war ausgehungert nach einem schnellen Aufbruch von Zuhause am Vormittag.

Ich öffnete meinen mitgebrachten Salat und nahm einen ersten Happen, als eine Bewegung in meinem Augenwinkel meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Nur wenige Meter von mir entfernt saß eine kleine grau-schwarze Krähe unter einem Baum. Sie blickte mich an und ich hielt ganz still, um sie zu beobachten. Sie war zerstruppt und abgemagert und konnte nicht gehen – es schien, als wären ihre beiden Beine gebrochen. Mit ihrem Schnabel versuchte sie, etwas Essbares aus einem Haufen Unrat zu picken, scheiterte jedoch. Als sie schließlich mit unbedarftem Flügelschlagen zu einer Plastikschüssel robbte, in der sich Regenwasser gesammelt hatte, barst mein Herz in viele Teile. Wieder und wieder pickte sie in die Schüssel hinein, sammelte dann noch einmal all‘ ihre Kraft für einen kleinen Sprung und landete schließlich in der Plastikverpackung. Das wilde Rudern mit den Flügeln half nichts – sie kam nicht mehr heraus.
Langsam stand ich auf und näherte mich der Krähe. Eine Frau und ein junges Mädchen waren ebenfalls stehengeblieben und wir kamen ins Gespräch. Der junge Vogel hatte inzwischen das Gleichgewicht verloren und war aus der Schüssel gefallen. Benommen saß er nun im Gras. Es war deutlich zu sehen, dass er nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.

Es gibt an diesem Punkt Menschen, die die Ansicht vertreten, dass man solche „Angelegenheiten von der Natur regeln lassen“ sollte, sprich, das Tier seinem Schicksal überlassen (und in diesem Fall) sterben lassen sollte. Mir hat dieser Standpunkt nie eingeleuchtet und ich halte ihn – milde ausgedrückt – für einen bequemen Weg, um sich der Konsequenz zu entziehen, die das menschliche Handeln in dieser Welt noch dringender erforderlich macht als ohnehin schon: Verantwortung. Wir überlassen kaum noch etwas der Natur, lassen diese nur bedingt „Dinge regeln“, sondern greifen ein, wie es uns beliebt. Es ist mir unbegreiflich, wieso ich mich als Mensch also ausgerechnet in so einem Augenblick auf die Natur berufen und mich einer Handlungsnotwendigkeit entziehen soll. Vielleicht weil es unbequem ist, zu handeln. Weil die Zeit knapp bemessen und monetär ist und weil kein Pappkarton parat liegt, in den das Jungtier freiwillig hineinspringt, um auch sein weiteres Schicksal vertrauensvoll in unsere Hand zu geben. Es ist nicht bequem, sicher nicht. Und eventuell kostet es sogar Geld.

Zwischen Maria, der Frau, ihrer Tochter Christina und mir war dieses stille Einvernehmen, zu handeln. Wegschauen war uns keine Lösung. Ich rief meinen besten Freund an, damit er mir die Nummer eines tierärztlichen Notdienstes heraussuchte. Seine Stimme war ruhig und ernst, als er sagte: »Egal, was es kostet, ich zahle es.« Inzwischen hatten Maria und Christina einen großen, gelben Postkarton gekauft und mit Löchern versehen und ich telefonierte mit einem Tierarzt in der Nähe, schilderte ihm den Zustand des Vogels und er gab mir Anweisungen, wie ich das Jungtier fangen könnte. Meine Hände waren zittrig, als ich mich mit meinem abgestreiften Hemd dem verängstigten Tier näherte. Als ich es vorsichtig packte, sorgsam darauf bedacht, den abgemagerten Körper nicht zu sehr zu drücken, den Vogel aber auch nicht fallenzulassen, drehte das geschwächte Tier den Kopf um 180° und rief mit aufgerissenen Augen: »Kraaa.« Fast zeitgleich schoss aus den Baumkronen über uns ein Elternteil des Vogels und antwortete ebenfalls mit einem durchdringenden Krächzer. Wir waren auf einen Angriff der Krähe vorbereitet, doch sie schoss nur über unsere Köpfe weg und verschwand wieder zwischen dem blickdichten Blätterdach. Natürlich kamen mir in diesem Moment Zweifel, natürlich spürte ich die Elternsorge, aber der Tierarzt hatte mir versichert, dass die Elterntiere sich nicht um das Kleine kümmern würden. Mythos Rabenmutter?

Der Weg zur Tierarztpraxis erschien mir unglaublich lang. Jeder meiner Schritte muss für die Krähe ein angstvoller Balanceakt gewesen sein und ich war froh, dass Maria und ihre Tochter mich begleiteten. Maria erzählte mir, dass sie Heilpraktikerin sei und sich erst vor ein paar Tagen CDs über Krähen gekauft habe und sie erzählte mir vom Symboltier Krähe (oder auch Rabe). Ich lauschte mit großem Interesse ihren Worten. Sie sprach von inneren Prozessen, von Veränderung und von dem Prozess des Loslassens. Leben und Tod, zwei so gegensätzliche Formen des Daseins – und doch ohne einander nicht denkbar.

Ich war erleichtert, dass im Warteraum der Praxis kein einziges Tier saß. Wie hätte sich das Krähenkind gefühlt, in der beängstigenden Dunkelheit bedrohliches Katzengeschrei oder Hundegejaule zu hören und nicht fliehen zu können? Meine beiden Mitstreiterinnen und ich tauschten Adressen aus und Maria drückte mir Geld für den Tierarzt in die Hand. Wir umarmten uns, dann gingen sie.
Vorsichtig stellte ich die Krähe auf den Boden und wartete. Stille umgab uns und ich hörte die Zeit verrinnen. Unentwegt starrte ich auf die große Altbau-Flügeltür, hinter der ich den Arzt vermutete – unterbrochen nur von einem gelegentlich fragenden: »Kraaa?«, das dumpf aus dem Karton neben mir kam.
Als man schließlich kam und mir den Karton abnehmen wollte, schüttelte ich den Kopf. Ich hatte angefangen, Verantwortung zu übernehmen – und ich würde es auch zu Ende bringen. Und wahrscheinlich übertrug sich auch mein Misstrauen gegenüber Menschen-Ärzten auf den armen Tierarzt. Ich ging mit in den Behandlungsraum und beobachtete genau, wie der Tierarzt den Karton öffnete und das Kleine die Augen aufriss und wild zu krächzen begann. Doch schon kurz darauf verstummte es und während die Arzthelferin die Krähe fixierte, untersuchte der Arzt sie gründlich. Ich stellte viele Fragen, und er beantwortete mir alle. Die Füße waren nicht gebrochen, sondern verkrüppelt, aber alle weiteren Untersuchungen konnten nur von einer auf (Wild-)Vögel spezialisierten Kollegin gemacht werden.

Nur kurz darauf saß ich in einem Taxi auf dem Weg nach Charlottenburg, auf dem Schoß den gelben, gelöcherten Postkarton. Der Taxifahrer war redselig, aber zu mehr als einem gelegentlichen, höflichen »Mmmh« war ich nicht in der Lage. Wir fuhren durch den Berufsverkehr, in langen, kriechenden Schlangen drängten die Menschenmassen nach Hause. »Links das Rathaus Charlottenburg«, sagte der Taxifahrer und begann eine Geschichte aufzurollen. »Kraaa«, sagte die Krähe. Die Fahrt dauerte ewig.

Vor einem unscheinbaren Gebäude hielten wir schließlich an. Meine Schritte waren schwer, als ich auf die gläserne Tür zuging. Eine ebenfalls wartende Frau, die mich kommen sah, ging mir entgegen und hielt mir die Tür zum Wartezimmer auf. Ich schluckte meine Gefühle hinunter, als ich einen Papagei und einen Kanarienvogel dort in ihren Käfigen sah. So liebevoll die Besitzer mit ihnen sprachen und wie sehr sie die Tiere auch lieben mochten – ich hatte das Gefühl, dass es einfach nur falsch war, ein Wesen in einen Käfig zu stecken, das dafür gemacht ist, Wind und Leben unter seinen Flügeln zu spüren. Dass die Praxis selbst eine große Voliere im Wartezimmer hatte, war ein zusätzlicher Schock.
Ich schloss die Augen und begann leise zu summen. Die Krähe steht für Veränderung. Sie ist eine Botin. Marias Worte trugen mich durch die Zeit des Wartens. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass mich die Tierärztin ansprach. Mit einer silbrigen Dose in der Hand bat sie mich nach draußen. Während sie das kleine Tier gegen Ungeziefer einpuderte, durfte ich den kleinen Körper halten. Ich spürte das klopfende Herz und die Zerbrechlichkeit des Körpers unter meinen viel stärkeren Händen. Was für eine Macht wir doch Schwächeren gegenüber hatten. »Kraaa«, rief sie wieder, während die junge Assistenzärztin ihr das weiße Puder unter das Gefieder rieb. Und es war das Letzte, was ich von ihr hörte. Die Assistenzärztin erklärte mir, sie würden die Krähe nun eingehend untersuchen, was aber dauern könnte. Ich könnte aber gern am nächsten Tag anrufen, und mich nach ihr erkundigen. Ich nickte, die Ärztin verstaute die Krähe in einer Art Katzenkorb und verschwand in der Praxis. Ich blieb auf der Straße zurück. Mit einem zerlöcherten Postkarton und einem Hemd voller Vogelkot.

Tief bewegt fuhr ich mit der Bahn nach Hause, gespalten von Mitgefühl, Freude am Leben und Abscheu gegen mein Umfeld. Die Gespräche um mich herum erschienen mir sinnentleert, die Blicke auf Mobiltelefone oder aus dem Fenster tot. Man stritt über Nichtigkeiten und ignorierte bedürftige Obdachlose. Dazu das traurige Wissen um die Mentalität von Brot und Spielen, ein Prinzip, das in uns allen greifen kann, mit dem man uns nährt und ruhigstellt. Und immer wieder das Leid in den Augen des kleinen Vogels. Wie viele Menschen kümmern sich um mehr als ihre eigene Befindlichkeit? Wie weit haben wir uns von unserer Natur und von uns selbst entfernt? Und was sehe ich selbst alles nicht, obwohl ich gewillt bin, zu sehen?

Die kleine Krähe wurde noch am selben Abend eingeschläfert. Sie war nur einer von vielen mysteriösen Fällen im vergangenen Jahr. Viele Wildvögel waren mit verkrüppelten Beinen in den Tierarztpraxen abgegeben worden. Sie hätte nie auf einem Ast sitzen oder sich aufrecht halten können. Wie ihre Artgenossen litt sie unter den Folgen starker Mangelernährung.
An diesem Abend erfuhr ich auch, dass ein guter Bekannter seit Wochen mit einer unbekannten Krankheit im Krankenhaus lag, täglich mehr abbaute und nun voller Verzweiflung sein Testament machte. Und ich erfuhr von einer Bekannten, die am nächsten Tag das Ergebnis eines Krebstests erhalten sollte. Kraaa, hörte ich es aus der Ferne. Kraaa.

Die Krähe, sagt man, sei ein Symbol sowohl für das Leben als auch für den Tod. Ihr krächzender Schrei ist Träger einer wichtigen Botschaft. Als eine Art Schwellenwächter zwischen hell und dunkel, steht sie sinnbildlich als Bote für das Unbewusste. Die Krähe ist ein kluges und mutiges Tier. Wem sie im Traum erscheint, dem kann sie Seelenführer sein. Und wem sie am Tage erscheint, dem legt sie die tiefe Bedeutung des Lebens in die Hände – egal, ob Mensch oder Tier, wir alle kämpfen um unser Überleben. Und das verbindet uns. Und macht uns gleich.

Danke, kleine Krähe.

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Notizbuch-Philosophie

Ich habe so laut gelacht, dass die fünfjährige Nachbarstochter in der Nebenwohnung aufgewacht ist. Zumindest hörte ich durch die dünnen Wände ihr lautes »Maaamaaa«, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte. Ich habe noch genau zwölf Minuten, um einen Blog-Eintrag zu veröffentlichen, bevor die offizielle Woche der Iron-Buchblogger zu Ende geht und die statistische Woche geschlossen wird. Der Artikel, den ich veröffentlichen wollte, ist fast fertig. Er wird wahrscheinlich »Das Krähenkind« heißen. Eine Geschichte aus dem Leben, eine Geschichte voller Emotionen – und eben eine Geschichte, die sich nicht unter Zeitdruck fertigstellen lässt. Für das Ende reicht die Zeit nicht mehr. Und doch möchte ich so gern mein Versprechen an mich selbst halten, möchte jede Woche etwas posten, um den Blog lebendig zu halten und um der Disziplin zu zeigen, dass ich sie trotz ihres spießigen Rufes lieb habe.

Und so öffne ich heute eines meiner Notizbücher, die ich stets bei mir trage und in denen ich Gedankensplitter, Pläne und Ideen eintrage, böse Worte oder erheiternde aufschreibe, aufgeschnappte Satzfetzen festhalte, Melancholie kanalisiere oder einfach nur sinnentleert Zeilen fülle – in Warteräumen, U-Bahnen, Cafés, im Treppenhaus auf dem Weg nach oben oder unter freiem Himmel. Oft erscheinen  sie im Moment des Schreibens bedeutungsschwer und entpuppen sich im Nachhinein als Luftblasen oder lustige Gedanken, die sich nicht weiter verfolgen lassen. Und manchmal sind sie einfach nur Gedanken, die im richtigen Moment wieder auftauchen – so wie heute:

Gedanken über die Perfektion

Perfektion kann Motivation sein – bis zu einem Grad – danach ist sie nur noch Hindernis und Blockade.

Gute Nacht! Das »Krähenkind« folgt nächste Woche …

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